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Die Davidwache, aufgenommen am 29.12.2007, zur blauen Stunde. © dpa-Report
 

Die Reeperbahn - Hamburgs bekannteste Meile

Ein Bummel über die berühmte Straße in Hamburg St. Pauli. mehr

 

Café Keese: Von Damenwahl zum Räucheraal

von Kristina Festring-Hashem Zadeh

Dependancen an der Ostsee und in Berlin

Doch auch die direkte Konkurrenz um tanzlustige Damen auf Partnersuche stoppt Keeses Erfolg nicht. 1953 verlegt das Ballhaus seinen Sitz auf die Reeperbahn. Zwar fürchteten viele Gäste angesichts des Ortswechsels zunächst um den Ruf des etablierten Tanzlokals, aber die Befürchtungen zerschlagen sich schnell. Keese wird Kiez-Kult.

An der Bar im Cafe Keese  Fotograf: Günter Zint Detailansicht des Bildes Nach dem Tanz erfrischen sich die Gäste gern mit einem Gläschen an der Bar. Für den guten Ton sorgt unter anderem Gattin Amalie Ilonka. Sie begrüßt die Gäste am Eingang des Cafés und weist zum Abschied auch mal dezent darauf hin, wenn das Kleid gar zu offenherzig ausgeschnitten ist. Im März 1965 stirbt Amalie Ilonka. Keese heiratet nach ihrem Tod nicht wieder, verlobt sich jedoch später mit Charlotte Jürges, die seit Anfang der 1950er-Jahre bei Keese die Geschäfte führt. Der Erfolg hält an. Keese eröffnet weitere Dependancen in Niendorf an der Ostsee und in Berlin.

Keese verhandelt selbst mit seinen Entführern

Zielstrebigkeit und Schlagfertigkeit zeichnen den Hamburger Gastronomen aus. "Was er sich in den Kopf gesetzt hatte, das machte er auch", charakterisiert Jürges ihren langjährigen Verlobten. Diese Eigenschaften helfen ihm auch in heiklen Situationen: Am 23. August 1971 wird er gemeinsam mit Jürges an seinem Wohnsitz in Wedel überfallen und entführt.

Sechs Stunden später hat er das Lösegeld von einer Million auf 100.000 Mark heruntergehandelt. Die Kidnapper lassen seine Freundin Jürges frei, die besorgt das Geld, Keese kann gehen - und die Geiselnahme ist ohne Zutun der Polizei beendet.

Sex-Magazin-Verleger kaufen das Keese

Mario Basler und eine Frau stoßen mit Champagner an  Detailansicht des Bildes Auch viele Prominente, wie hier Fußballprofi Mario Basler, trinken seit jeher gern ihren Champagner im Keese. Zwei Jahre später zieht sich der mittlerweile 72-jährige Keese aus dem Geschäft zurück und verkauft das Lokal an Heinz-Peter Feussner und Klaus Tietje, bis dato Verleger von Sex-Magazinen wie "St. Pauli Extra". Die beiden führen das solide Tanzlokal zunächst im Keese-Stil weiter. Themennächte wie die "Damenwahl nach Sternzeichen" sollen den ursprünglichen "Ball Paradox" neu beleben.

Doch in Zeiten der Emanzipation ist die Damenwahl kein Aufreger mehr. Entsprechend setzt das Traditionshaus an der Reeperbahn mit Konzerten und Partys wie dem schrillen "Sweet Sunday" auf Alternativen und jüngere Gäste.

Auch viele Prominente geben sich hier gern die Ehre. 1996 bekommt Udo Lindenberg zum 50. Geburtstag nach Vorbild des Hollywood "Walk of Fame" einen Stern vor dem Haus. Nach dem Tod Tietjes scheint die Zukunft des legendären Gebäudes zunächst fraglich.

Große Party zur Neueröffnung

Schließlich pachtet der sogenannte Osmani-Clan das Unternehmen von der Erbengemeinschaft und baut für drei Millionen Mark um. 2002 wird groß Neueröffnung gefeiert. Das an das Tanzlokal anschließende, neu erbaute "Hotel Keese" schürt Gerüchte um einen Bordellbetrieb, die von den Betreibern jedoch dementiert werden.

Im April 2004 wird das Keese zum Schauplatz eines Dramas. In der Toilette des Traditionshauses verschanzen sich vier schwer bewaffnete Männer, nachdem sie zuvor in einem benachbarten Club einen Gast erstochen und dessen Begleiterin angeschossen haben.

Aus dem Café wird eine Fischbude

Moderator Thomas Hermanns © AP Photo/Fabian Bimmer Fotograf: Fabian Bimmer Detailansicht des Bildes Komik im Keese: Von 2006 bis 2011 sorgte Thomas Hermanns mit seinem "Quatsch Comedy Club" für Lacher. 2006 siedelt sich Thomas Hermanns mit seinem "Quatsch Comedy Club" im Keese auf der Amüsiermeile an. Für die Auftritte der Comedians wird das Gebäude erneut für 200.000 Euro umgebaut. Ob sich diese Investition gelohnt hat, ist fraglich. Fünf Jahre später zieht die Veranstaltungsreihe wieder aus - und es wird wieder umgebaut.

Im Frühjahr 2013 eröffnet der Sylter Fischgastronom Jürgen Gosch im Café Keese eine Edel-Fischbude mit Straßenverkauf. Und wo einst die Damenwahl per "Knigge" geregelt wurde, wählt nun der Kunde aus der Speisekarte zwischen Räucheraal und Rotbarsch.

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Eine Visualisierung der Fischbude von Jürgen Gosch auf dem Kiez  Fotograf: Architekturschaubild Gisbert-K. Jungermann
 

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