Kühler Kopf und kompetenter Krisenmanager
In schwierigen Zeiten erlangte Helmut Schmidt großes Ansehen. mehr
Sichtlich bewegt nimmt Bundeskanzler Willy Brandt (r.) am 20. Oktober1971 im Deutschen Bundestag in Bonn die Glückwünsche des CDU-Vorsitzenden Rainer Barzel zum Friedensnobelpreis entgegen.
Regierender Bürgermeister von Berlin während der Berlinkrise, Bundeskanzler mit tragischem Ende, Friedensnobelpreisträger, Widerstandskämpfer im Dritten Reich, Exilant, Journalist, Berichterstatter bei den Nürnberger Prozessen, Träger zahlreicher Ehrungen und Orden, Sozialdemokrat, Visionär und Weltbürger - über Willy Brandt sind bereits zu Lebzeiten zahlreiche Biographien sowie wissenschaftliche und journalistische Würdigungen und Analysen geschrieben worden.
Obwohl Brandts Zeit als Bundeskanzler von seinem durch die Spionageaffäre Guillaume hervorgerufenen Rücktritt überschattet wird, gilt seine Politik auch heute noch als wegweisend für die alte Bundesrepublik, wie sie bis 1990 bestanden hat. Dass er zwei Jahre vor seinem Tod im Oktober 1992 die Wiedervereinigung noch miterleben darf, ist indirekt auch seiner als Bundeskanzler verfolgten Politik des "Wandels durch Annäherung" geschuldet.
Eine prägende Gestalt: In der SPD-Zentrale in Berlin erinnert eine Skulptur des Künstlers Rainer Fetting an Brandt.
Seine politische Bedeutung über seine Kanzlerschaft hinaus wird vorbehaltlos über Parteigrenzen und auch im Ausland anerkannt. Das war in seiner langen politischen Laufbahn nicht immer der Fall, denn der Sohn der Hansestadt Lübeck musste immer wieder Schmähungen und Kränkungen von Parteifreunden und politischen Gegnern einstecken. Wie bei vielen Politikern dieser Zeit, insbesondere sozialdemokratischen, spiegelt sein politischer und persönlicher Lebensweg die schwierige und rastlose Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert wider.
Willy Brandt wird am 18. Dezember 1913 in Lübeck unter dem Namen Herbert Ernst Karl Frahm als uneheliches Kind in einen sozialdemokratischen Haushalt hineingeboren. Seinen Vater hat er nicht gekannt. Er wächst weitgehend bei seinem Großvater mütterlicherseits auf. Bereits als Jugendlicher schließt er sich der sozialistischen Jugendbewegung an. Mit 16 tritt er der SPD bei, wechselt allerdings bald zur Linksabspaltung der SPD, der Sozialistischen Arbeiterpartei, weil ihm die SPD zu kompromissbereit erscheint.
Kurz nach der Machtergreifung der NSDAP geht er aus politischen Gründen ins Exil nach Norwegen - schon unter dem Namen Willy Brandt, den er mit Hilfe gefälschter Papiere annimmt. Das Dritte Reich überlebt er in Norwegen und, nach dessen Eroberung durch die Deutschen, in Schweden. Während dieser Zeit fährt er 1937 nach Spanien, um auf republikanischer Seite über den Bürgerkrieg zu berichten. Seine zahlreichen Reisen in unterschiedliche europäische Länder dienen ihm dazu, den Kontakt zu sozialdemokratischen Exilgruppen zu halten. Auch in Deutschland verbringt er 1936 ein Studienjahr - unter dem Namen Gunnar Gaasland.
Seinen Lebensunterhalt im norwegisch-schwedischem Exil verdient er sich hauptsächlich als Journalist. Brandts politische Aktivitäten begründen viele Freundschaften, an die er nach dem Krieg wieder anknüpfen kann und die ihm den Ruf eines Weltbürgers einbringen sollen.