Heidi Kabel - Die Bühne war ihr Leben
Heidi Kabel gehörte zu Hamburg wie der Michel und die Elbe. mehr
Von der Salondame über die Putzfrau bis hin zur hinterhältigen Mörderin hat sie alles gespielt - und sie hatte sie alle: neun Ottos, fünf Bambis, die Goldene Kamera und den Deutschen Fernsehpreis. Auszeichnungen waren für die Schauspielerin Inge Meysel im Laufe ihrer mehr als 70 Jahre währenden Karriere keine Besonderheit. Nur das Bundesverdienstkreuz lehnte sie ab, mit den Worten: "Einen Orden dafür, dass man sein Leben anständig gelebt hat?"
2001 bei Thomas Gottschalk schoss Meysel verbal gegen Frauen mit Brustvergrößerung.
An sich selbst schätzte Inge Meysel am meisten ihre Respektlosigkeit. Für sie war klar, "bevor einer unverschämt zu mir wird, werde ich unverschämt zu ihm". Und das am liebsten vor Publikum. Johannes B. Kerner musste vor ihr kapitulieren, als sie anlässlich ihres 90. Geburtstages in seiner Talkshow war. Schon nach der ersten Frage bemängelte Inge Meysel, seine Gesprächsführung sei merkwürdig. Auch Thomas Gottschalk traute 2001 bei "Wetten dass..?" seinen Ohren und Augen nicht. Inge Meysel fasste sich an ihre Brüste und sagte, "mein Busen ist echt, wie Gott ihn schuf" - ein kleiner Seitenhieb auf die ebenfalls geladenen Damen Ariane Sommer und Nadja Abd El Farrag.
Zusammen mit Alice Schwarzer beim "Sexismus-Prozess" 1978 gegen den "Stern".
Ihr Leben lang ist Inge Meysel keiner Diskussion und Kontroverse aus dem Weg gegangen. Sie sagte ihre Meinung. Wenn es sein musste auch vor Gericht. "Kämpfen hält jung", war ihre Devise. 1978 gehörte sie neben Alice Schwarzer und acht weiteren Frauen zu den Klägerinnen im sogenannten Sexismus-Prozess vor dem Hamburger Landgericht. Sie hatten gegen das Magazin "Stern" geklagt und wollten erreichen, dass der Hamburger Illustrierten untersagt wird, "die Klägerinnen dadurch zu beleidigen, dass auf den Titelseiten des 'Stern' Frauen als bloßes Sexualobjekt dargestellt werden und dadurch beim männlichen Betrachter der Eindruck erweckt wird, der Mann könne über die Frau beliebig verfügen oder sie beherrschen". Sie verloren den Prozess.
Inge Meysel lernte früh, ihren Willen durchzusetzen. Die Tochter einer Dänin und eines deutschen Juden kam am 30. Mai 1910 in Berlin auf die Welt. Eigentlich wünschten sich die Eltern einen Jungen. Doch stattdessen kam Inge. Ihr Vater ließ ihr eine etwas "männlichere" Erziehung angedeihen. Als sie nach der Schule mitteilte, Schauspielerin werden zu wollen, konnten die Eltern sie nicht davon abhalten. 1930 gab sie ihr Debüt am Theater in Zwickau. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, erhielt die Halbjüdin jedoch von 1933 an Auftrittsverbot. Erst 1945 konnte sie ihre Karriere fortsetzen. Nach einigen Boulevardstücken erweiterte sie ihr Spektrum und übernahm Charakterrollen. In den 1960er-Jahren entdeckte sie das junge Medium Fernsehen. Noch im Jahr 2001 spielte sie in dem Fernsehfilm "Die Liebenden vom Alexanderplatz" mit.
Inge Meysel empfand sich selbst gar nicht als mütterlich.
Für viele ist Inge Meysel die "Mutter der Nation". Keiner weiß genau, woher dieser Titel stammt. Die einen sind der Meinung, dieser Ruf sei durch ihre Rolle als Portierfrau in "Das Fenster zum Flur" entstanden, in der sie sich sehr um ihre Kinder kümmerte. Andere hingegen behaupten, er komme von ihrer Rolle als Glucke Käthe Scholz in "Die Unverbesserlichen". Von 1965 bis 1971 wurde am Muttertag je eine Folge gezeigt. Sie selbst sah sich anders, empfand sich keineswegs als mütterlich. Zweimal war Inge Meysel verheiratet, in erster Ehe mit dem Hamburger Schauspieler Helmut Rudolph, in zweiter Ehe mit dem Regisseur John Olden. Beide Ehen blieben kinderlos.
Inge Meysel lebte in den letzten Jahren zurückgezogen in ihrem Haus in der Nähe von Hamburg. Sie starb am 10. Juli 2004 im Alter von 94 Jahren.