Uni Hamburg - Vom "Bleigewicht" zur Bildungshochburg
Am 10. Mai 1919 wird die "Hamburgische Universität" gegründet. mehr
Es war der Höhepunkt ihres Schaffens: Am 16. März 1919 wird Helene Lange Alterspräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft. Als Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) hat sich die 70-Jährige zur Wahl aufstellen lassen und engagiert dafür gekämpft, dass Frauen endlich teilhaben dürfen an gesellschaftlichen Entscheidungen und an gleichberechtigter Bildung.
Helene Lange, 1893.
Dieser Kampf beginnt für die am 9. April 1848 geborene Helene schon in der Kindheit. Als junges Mädchen lebt sie in Oldenburg und ärgert sich darüber, dass sie stricken lernen soll. Sie beneidet ihre beiden Brüder, die davon verschont bleiben, und schreibt später "vom Pech, ein Mädchen zu sein" und von dem "geistigen Ödland", das sie dort umgeben hat. "Es gehört zu den allgemein geglaubten Theorien, das man kleine Mädchen nicht früh genug an die Handarbeit herankriegen könne", heißt es in ihren Lebenserinnerungen, die 1921 veröffentlicht werden.
Ihre Eltern versterben früh, und Helene Lange bekommt einen Vormund, der die 16-Jährige in ein protestantisches Pfarramt nach Württemberg schickt. Dort verkehren Akademiker und Theologen, und es wird eine lebendige Diskussionskultur gepflegt - für Helene, die Kaufmannstochter aus einfachen Verhältnissen, eine Entdeckung. Doch wenn sie wagt, sich einzumischen, wird ihr der Mund verboten, es heißt: "Wenn kluge Männer sprechen, haben Mädchen zu schweigen."
Helene Lange nimmt sich vor, eine Lehrerinnenausbildung zu machen, weil ihr bewusst wird, dass Bildung der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben ist. Sie scheitert am Vormund, der ihr die Ausbildung mit der Begründung verbietet, "das habe noch nie jemand im Oldenburger Land getan". Wenigstens erreicht sie, dass sie im Elsass in einem französischen Mädchenpensionat Deutschunterricht erteilen darf. Die Lehrgehilfin nutzt die Bildungseinrichtung, um sich autodidaktisch in Philosophie, Literatur, Geschichte, Religion fortzubilden und Französisch zu lernen. Ihr ist jedoch klar, dass diese Zeit vom Vormund nur als "Wartezeit" gesehen wird. Eine Wartezeit bis zur Hochzeit - eine andere Perspektive ist nicht vorgesehen.
Doch Helene Lange will mehr. Sobald sie die Volljährigkeit erreicht und über sich selbst bestimmen darf, geht sie nach Berlin, finanziert sich durch das, was sie geerbt hat, und gibt Privatunterricht. 1872 absolviert sie mit 24 Jahren das Lehrerinnenexamen, findet nach und nach Anschluss an die Pionierinnen der Berliner Frauenbewegung. An der Crainschen Höheren Mädchenschule bekommt sie eine feste Anstellung und leitet dort schließlich das Lehrerinnenseminar. Doch die Mädchenausbildung ist ihrer Ansicht nach schlecht geregelt, eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung mit Reifeprüfung oder Abitur ist nach wie vor Jungen vorbehalten.
Helene Lange, Frauenrechtlerin.
Als die Fachzeitschrift "Die Lehrerin in Schule und Haus" Autorinnen sucht, ist Helene Lange sofort dabei. Sie engagiert sich auch im 1869 von Marie Calm gegründeten "Berliner Verein deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen". Aktiv setzt sie sich mit ihren Mitstreiterinnen für die Verbesserung der Mädchenausbildung ein. Sie verfassen eine Petition an das preußische Kultusministerium und das Abgeordnetenhaus. Die Begleitschrift, die sogenannte "Gelbe Broschüre" mit einer Begründung für die höhere Mädchenausbildung, schreibt Helene Lange. Die Forderungen: Der wissenschaftliche Unterricht sowie Religion und Deutsch solle von ausgebildeten Lehrerinnen gegeben werden, und der Staat möge Anstalten zur wissenschaftlichen Ausbildung dieser Lehrerinnen einrichten.
Die Petition wird abgelehnt. Mehr noch, ein Sturm der Entrüstung bricht über die Frauen herein. Dabei haben sie nicht einmal gefordert, Frauen auch zum Universitätsstudium zuzulassen. Helene Lange gründet als Gegenreaktion gemeinsam mit der Ärztin Franziska Tiburtius unter dem Dach des Wissenschaftlichen Zentralvereins in Berlin die "Realkurse für Frauen", in denen auch Latein und höhere Mathematik gelehrt werden. Die Geldmittel beschaffen die Frauen selbst. Einen Anteil stiftet der Allgemeine Deutsche Frauenverein, den Rest organisieren die Aktivistinnen durch Veranstaltungsreihen, Vorträge und Konzerte. Wofür die Erlöse genutzt werden, das wird dem Publikum jedoch nur vage angedeutet, niemand soll aufgeschreckt werden. Die Strategie geht auf: Die Realkurse erlangen ein hohes Ansehen, sodass sich daraus ab 1893 sogar auch Gymnasialkurse für Mädchen entwickeln. Das preußische Kultusministerium beauftragt schließlich unter anderem Helene Lange, an einer Mädchenschulreform mitzuwirken, die 1908 tatsächlich verwirklicht wird.