Norddeutsche Nobelpreisträger
Einige prominente Preisträger im Porträt. mehr
Ralf Dahrendorf in jungen Jahren.
Geboren wird Ralf Dahrendorf am 1. Mai 1929 in Hamburg. Sein Vater, Gustav Dahrendorf, arbeitet zu dieser Zeit als Redakteur bei der sozialdemokratischen Zeitung "Hamburger Echo". Obwohl seine Eltern eine regimekritische Haltung vertreten, wird Ralf Dahrendorf Mitglied des Jungvolks und ist - wie die meisten Kinder - begeistert von der deutschen Wehrmacht: "Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich nach Hause kam und triumphierend sagte: Wir haben jetzt Dänemark und Norwegen besetzt und dann bei den Eltern sofort spürte, dass es eine ganz andere Reaktion gab", erzählt er in seiner Biografie "Über Grenzen". "Ich glaube, von dem Tag an war mir klar, dass es eine andere Perspektive gibt auf die Ereignisse, als die, die in der Schule gepredigt wurde". Er beginnt, sich politisch gegen das Regime zu engagieren und gerät immer stärker ins Visier der Gestapo. Wegen Beteiligung an einer illegalen Schülervereinigung wird er Ende 1944 im Konzentrationslager Schwetig/Oder inhaftiert -15 Jahre alt ist er zu dieser Zeit.
Von der Verpflichtung jedes Einzelnen zum bürgerlichen Engagement überzeugt, entschließt er sich wenige Tage nach der deutschen Kapitulation beim Wiederaufbau zu helfen. Seinen ausgeprägten Freiheitswillen sieht er durch die Erfahrungen in der Nazi-Zeit begründet, wie er 2005 bei einem Interview im Deutschlandradio kundtut: "Das elementare Motiv, das sie bei mir gestärkt, vielleicht auch geweckt haben, ist das Motiv, nicht eingesperrt zu sein, frei zu sein, Möglichkeiten zu haben, nach eigenen Absichten, Wünschen, Lebensplänen zu wirken. Das kommt schon vor aller Demokratie. Das heißt, das ist das wirklich Elementare".
Ralf Dahrendorf als Professor bei der Eröffnung des Soziologentages Frankfurt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt Ralf Dahrendorf an der Universität Hamburg Philosophie und klassische Philologie zu studieren. Seinen ersten Doktortitel erlangt er in der Hansestadt mit der Dissertation "Der Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx" - summa cum laude mit 23 Jahren; den zweiten erhält er zwei Jahre später in England. "Viele Geschichten gingen um", erzählt der Soziologe Anthony Giddens im Rückblick auf Dahrendorfs erste Londoner Jahre von 1952. "Wie schnell er seine Dissertation fertigstellte und was für eine ungewöhnliche Fähigkeit zur Arbeit er besaß." Aufgrund dieser Fähigkeit hat er am 1. Mai 1958, seinem 29. Geburtstag, bereits habilitiert und wird zum ordentlichen Professor für Soziologie in Hamburg und Tübingen.
Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke 1968.
Der Mitbegründer der Universität Konstanz aber belässt es nicht bei einer Hochschul-Karriere, sondern ist auch als Politiker, Journalist, Ökonom und Vordenker der Liberalen im öffentlichen Leben Europas aktiv. Bereits in den 60er-Jahren kämpft er für "Bildung als Bürgerrecht". Zu dieser Zeit waren es nicht Migranten und das Prekariat (Personenkreis mit ungesichertem Einkommen, unabhängig vom Bildungsstand), sondern vor allem Mädchen, Landkinder und Katholiken, die sich außerhalb des Bildungsradars befanden. Für die Positionen der APO (Außerparlamentarische Opposition der Studentenbewegung) jedoch kann er sich nicht begeistern: Während einer Diskussion mit deren Vordenker Rudi Dutschke setzt sich der habilitierte Soziologe entschieden davon ab.