Große norddeutsche Erfinder
Diesen kreativen Köpfen verdanken wir Dinge, die unser Leben bereichern. mehr
Heinrich Büssing (zweiter von rechts) eröffnet 1904 die erste Omnibuslinie zwischen Braunschweig und Wendeburg.
Mit knapp 60 Jahren, einer unternehmerischen Erfolgsgeschichte, bereits mehr als 90 angemeldeten Patenten in der Vita und einem Vermögen auf dem Konto verwirklicht sich der Eisenbahn-Signalanlagen- und Stellwerkbauer Heinrich Büssing seinen Traum: Von der Schiene verlagert er seine Technikbegeisterung auf die Straße und meldet 1903 ein Gewerbe zur "Fabrikation von Verbrennungsmotoren und Kraftwagen an". Nach zwei Jahren voller Konstruktionsversuche sind nicht nur der erste LKW und der erste Omnibus gebaut, Büssing organisiert auch gleich den Verkehr und eröffnet 1904 die erste Omnibuslinie zwischen Braunschweig und Wendeburg.
Ein Hufeisen an der Hauswand der einstigen Dorfschmiede in Nordsteimke erinnert an die Wurzeln des Großunternehmers.
Die Erfolgsgeschichte beginnt in einer kleinen Schmiede in Nordsteimke. In dem heutigen Ortsteil von Wolfsburg mit damals rund 300 Einwohnern wird Heinrich Büssing am 29. Juni 1843 geboren. Sein Vater betreibt die Dorfschmiede. Schon als Kind hilft Heinrich in der väterlichen Schmiede und macht dort nach dem Besuch der Dorfschule eine zweijährige Ausbildung, sein Gesellenstück ist ein Hufeisen. In der Lehre erwirbt er die Fähigkeiten, die ihn später zu einem erfolgreichen Unternehmer machen sollen: Handwerk, Kreativität und den Umgang mit Geld. Zwei Jahre arbeitet Büssing beim Schmiedemeister Müller in Braunschweig - 13 bis 14 Stunden täglich für einen Taler die Woche.
Mit 18 Jahren zieht Büssing auf Wanderschaft. Seine Reise führt durch ganz Deutschland und in die Schweiz. Die technischen und industriellen Neuerungen, denen er begegnet, lassen ihn früh erahnen, dass die großindustrielle Produktion das kleine Handwerk ablösen wird. Deshalb reichen Büssing seine Handwerker-Kenntnisse nicht mehr aus. Er will mehr als "nur" schmieden und schreibt sich als Gasthörer für Vorlesungen in Maschinenbau und Bautechnik am Collegium Carolinum in Braunschweig ein - gegen den Willen des Vaters, der es lieber gesehen hätte, dass sein Sohn die Schmiede übernimmt.
Büssings erstes Unternehmern fertigt sogenannte Velocipedes, eisenbereifte Räder mit Tretkurbel.
Die persönlichen Notizen Büssings sind schon früh mit technischen Aufzeichnungen gespickt, darunter auch Überlegungen zum Velocipedes. Mobilität erkennt er als Voraussetzung für die großindustrielle Produktion. Büssing ist mittlerweile mit Marie Zimmermann verheiratet und Vater zweier Kinder und gründet 1869 sein erstes Unternehmen, die Velocipedes-Fabrik. Mit einigen Arbeitern baut er in einer kleinen Werkstatt selbst konstruierte zwei- und dreirädrige, eisenbereifte Fahrräder. Mangelndes Betriebskapital und durch den Deutsch-Französischen Krieg zerstörte internationale Geschäftsbeziehungen lassen dieses Unternehmen jedoch scheitern.
Büssing orientiert sich schnell um und gründet 1870 eine Maschinenbauanstalt, doch auch dieses Unternehmen bringt nur Schwierigkeiten. Mehr Erfolg hat Büssing ab 1873 im Eisenbahnwesen. Er gewinnt den jüdischen Kaufmann Max Jüdel als Geldgeber und gründet mit ihm die Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co. England ist zu diesem Zeitpunkt Vorreiter im Eisenbahnbau, Deutschland hingegen hat im Stellwerk-, Weichen- und Gleisanlagenbau riesigen Nachholbedarf. Büssings Erfindergeist trifft hier in genau die richtige Kerbe: Mehr als 90 Patente meldet er für das Signalwesen an, 1879 fertigt das Unternehmen das 1.000. Stellwerk. 1928 wird Jüdel & Co von der Siemens & Halske AG übernommen, dem heutigen Siemens-Werk in Braunschweig.
1900, im Todesjahr seiner ersten Frau Marie, greift Büssing, mittlerweile Vater von vier Kindern, tief in seine nun gut gefüllte Tasche. Er kauft sich einen Benz "Mylord" und nutzt den PKW, um technische Studien und Versuche an ihm zu betreiben, bevor er in die LKW-Produktion geht. Zwei Jahre später schrauben fünf Spezialmitarbeiter unentwegt an dem Versuchswagen "Graue Katze", bis am 22. Oktober 1903 der erste LKW fertig ist.
Busfahren Anfang des 20. Jahrhunderts: Modellbau des Büssing-Busses auf der Linie Wendeburg-Braunschweig.
1904 steht auch der erste Omnibus betriebsbereit in Braunschweig. Wenig später bringt der Büssing-Bus dreimal täglich bis zu 20 Menschen von Wendeburg nach Braunschweig und wieder zurück, neun Haltestellen werden auf der Strecke bedient. Wer nicht auf den hinteren Holzbänken Platz nehmen mag, löst beim Fahrer ein "Luxus"-Ticket für einen der vorderen Lederpolster-Sitze. Wenig später kommen weitere Linien dazu: Mit der Lastwagen-Betriebsgesellschaft Braunschweig unterhält Büssing vier Strecken im Harz. Aus dem Unternehmen entsteht später die heutige KVG, die Kraftverkehrsgesellschaft Braunschweig.
In den Holzaufbau des Busses ist ein ganz besonderer Kasten eingebaut: Laut Vertrag mit der Oberpostdirektion Braunschweig darf Büssing mit seiner Linie nicht nur Personen, sondern auch Briefe und Pakete befördern. Damit ist der Wendeburg-Bus zugleich der erste Kraftpostomnibus der Welt.