"Was gesagt werden muss" - Günter Grass trägt sein Gedicht vor
Das im April 2012 in mehreren Zeitungen veröffentlichte Werk trägt der Autor hier exklusiv auf ndr.de vor. mehr
Heftige Debatten löste Grass mit seinem 1995 erschienenen Roman "Ein weites Feld" aus, der in der DDR zwischen dem Mauerbau und der Wiedervereinigung spielt und aus den Erinnerungen der Hauptfiguren ein Panorama deutscher Geschichte zwischen der Märzrevolution von 1848 und der Gegenwart entwirft. Vier Jahre später stellte Grass in München sein im Voraus bereits hoch gelobtes Werk "Mein Jahrhundert" vor, in dem er ein teils autobiografisches, teils fiktives Bild von Höhe- und Tiefpunkten des 20. Jahrhunderts entwarf und einen "besonderen Scharfblick für den verdummenden Enthusiasmus" zeigte.
Für politischen und publizistischen Wirbel sorgte Grass im Oktober 1997 mit seiner Laudatio auf den türkischen Schriftsteller Yasar Kemal, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Unter anderem kritisierte Grass die deutsche Asyl- und Türkeipolitik sowie die Abschiebepraxis der Bundesregierung, die er als "abermalige, diesmal demokratisch abgesicherte Barbarei" bezeichnete.
2002 nahm Grass sich mit der Novelle "Im Krebsgang" noch einmal eines Wendepunkts der deutschen Geschichte an. In dem Buch geht es um die schwerste Schiffskatastrophe aller Zeiten: den Untergang des "Kraft-durch-Freude"-Kreuzschiffs "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945 in der Ostsee mit 10.000 Flüchtlingen an Bord. Kritiker würdigten nicht nur die packende Schilderung, sondern auch die Tatsache, dass sich Grass eines von der deutschen Literatur lange gemiedenen Stoffes angenommen hatte: der deutschen Vertreibung aus dem Osten.
In seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" erzählt Grass auch von seiner Zeit bei der Waffen-SS.
Am 12. August 2006 - kurz vor Erscheinen der Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" - räumt Grass in einem Zeitungs-Interview erstmals ein, als 17-Jähriger zur Waffen-SS einberufen worden zu sein und 1944 seinen Dienst als Panzerschütze angetreten zu haben. An Kriegsverbrechen sei er aber nicht beteiligt gewesen. Das späte Eingeständnis führt zu einer heftigen Debatte in deutschen und internationalen Medien. Es wurden Stimmen laut, die forderten, Grass solle die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Danzig zurückgeben. "Es waren aufregende Tage. Seither ist es etwas ruhiger geworden", sagte Grass ein Jahr danach bei einer Lesung in Berlin.
Grass wütete später gegen den "Vernichtungsversuch" von "Scharfrichtern" und "Schnellgerichten". Ekel ergreife ihn, sobald er die Zeitungen aufschlage, sagt er. Nach Meinung von Kritikern begab er sich beleidigt und beleidigend im Sprachgebrauch auf eine Ebene mit den Politikern, die in den 60er-Jahren über "Ratten und Schmeißfliegen" schimpften und damals Schriftsteller wie Grass meinten. Sein Buch "Dummer August", veröffentlicht im März 2007 mit Gedichten, Lithografien und Zeichnungen, bearbeitet die öffentliche Empörung über sein "zu langes Schweigen".
Sein folgendes Werk gibt sich wieder versöhnlicher: "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung" widmet sich der Lebensgeschichte der Brüder Grimm und erzählt von ihren Leistungen um die deutsche Sprache. Zugleich ist das Buch das, was der Untertitel bereits besagt: Eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, die eigentliche Heimat des Autors Günther Grass.
Im Frühjahr 2012 löst Grass mit einem Gedicht eine Welle der Empörung und des Unverständnisses aus. Unter dem Titel "Was gesagt werden muss" kritisiert er massiv die Politk Israels und deutsche Waffenlieferungen an das Land. Die Mehrzahl der Kommentatoren und viele Politiker sehen Grass mit seiner Position auf dem Irrweg. Wochenlang beherrscht die Diskussion die Schlagzeilen. Der Schriftsteller selbst fühlt sich missverstanden. In einem Interview spricht er von einer Kampagne, die seinen Ruf schädigen solle.
Gerade erschien sein neuer Gedichtband "Eintagsfliegen - Gelegentliche Gedichte".