"Was gesagt werden muss" - Günter Grass trägt sein Gedicht vor
Das im April 2012 in mehreren Zeitungen veröffentlichte Werk trägt der Autor hier exklusiv auf ndr.de vor. mehr
Als einer der führenden Epiker seiner Generation etablierte sich Grass mit seiner "Danziger Trilogie". Der Entwicklungsroman "Die Blechtrommel", mit dem er 1959 den internationalen Durchbruch schaffte, die Novelle "Katz und Maus" (1961) und der Roman "Hundejahre" (1963) fanden mit ihrer exzessiven und provokativen Sprache eine ebenso breite wie kritische Resonanz. Sie belegten nicht nur Grass' meisterhafte Erzählkunst, sondern begründeten auch seinen Ruf als leidenschaftlicher, politischer Moralist.
Günter Grass (li.) ging für die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Willy Brandt 1965 in den Wahlkampf.
Mit seinem für einen deutschen Schriftsteller ungewohnten politischen Engagement vor allem in den 60er-Jahren wurde Grass eine gewichtige Figur in der Bundesrepublik. Er ging 1965, 1969 und 1972 für die SPD auf Wahlkampftournee und repräsentierte den Typus des linksliberalen Intellektuellen, der sich antidemokratischen Praktiken mit großer Konsequenz verweigerte. Im Januar 1967 forderte Grass die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Er sympathisierte mit dem "Prager Frühling" und setzte seinen Dialog mit dem tschechischen Schriftsteller Pavel Kohout auch nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten nach Prag fort. Er beteiligte sich an Protestaktionen in Ost und West gegen die "Notstandsgesetze", gegen "autoritären Klerikalismus", "reaktionäre Bundespolitik" und die "Unterdrückung der Freiheit in der DDR".
Viele seiner Werke aus dieser Zeit befassen sich mit der Verantwortung der Intellektuellen und sind vom politischen Engagement des Autors geprägt - so das deutsche Trauerspiel "Die Plebejer proben den Aufstand" (1966), das Zeitstück "Davor" (1969), der Roman "örtlich betäubt" (1969) und die Erzählung "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" (1972) .
Nach 1972 zog sich Grass für einige Jahre aus der politischen Öffentlichkeit zurück, machte aber mit Zeichnungen, Gedichten, Grafiken und Kunstausstellungen weiterhin von sich reden. Seinen internationalen Ruhm als Epiker unterstrich er mit dem 1977 erschienenen Roman "Der Butt". 1980 folgte das umstrittene Buch "Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus". In den folgenden Jahren befasste sich Grass wieder verstärkt mit Lithografie und Bildhauerei. 1986 legte er das große, auch sein Engagement in der Umwelt- und Friedensbewegung widerspiegelndes Prosawerk "Die Rättin" vor.
Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition in Bonn 1982 wurde Grass SPD-Mitglied und engagierte sich verstärkt in der Friedensbewegung. Er unterzeichnete das "Heilbronner Manifest", in dem Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler 1983 wegen der Stationierung der Pershing-2-Raketen in der Bundesrepublik zur Wehrdienstverweigerung aufriefen. Grass veröffentlichte die Textsammlung "Widerstand lernen - Politische Gegenreden 1980-1983". Bei der Landtagswahl 1987 in Schleswig-Holstein unterstützte Grass, der zu der Zeit in Wewelsfleth lebte, öffentlich den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (r.), und der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, 2005.
Die Rolle des politischen Mahners übernahm Grass wieder, als 1990 die Wiedervereinigung die Tagespolitik bestimmte. Er wandte sich gegen eine "Ruck-zuck-Einheit über den bloßen Anschlussartikel 23 des Grundgesetzes" und warb stattdessen für eine allmählich zusammenwachsende föderalistische deutsche Kulturnation. Mit seiner Erzählung "Unkenrufe" setzte Grass 1992 das Bemühen um die schwierige Versöhnung der Deutschen mit sich und den östlichen Nachbarn fort. Im Januar 1993 trat Grass aus Protest gegen die Asylpolitik der Sozialdemokraten wieder aus der SPD aus. Doch im Bundestagswahlkampf 1998 setzte er sich in den ostdeutschen Städten Schwerin, Weimar, Jena und Erfurt für den SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder und eine rot-grüne Bundespolitik ein.