"Die wollten mich einschüchtern"
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Hartmut Kasewurm wurde am 23. April 1988 verhaftet und blieb bis zu seiner Überstellung ins Cottbusser Gefängnis 17 Monate in der Stasi-Untersuchungshaft in Rostock. Er verließ die Rostocker Haftanstalt im September 1989. Der gelernte Seeverkehrskaufmann arbeitete im Außenhandel der DDR im Rostocker Hafen. Ihm wurde verbrecherische Veruntreuung von Staatsvermögen vorgeworfen - ein haltloser und erfundener Vorwurf, wie sich später herausstellte. NDR Online hat mit Hartmut Kaesewurm über die Haft und seine Erfahrungen gesprochen.
NDR Online: Warum sind Sie in das Visier der Stasi geraten?
Hartmut Kaesewurm: Ich wusste davon jahrelang nichts. Aber bereits seit 1972 hatte die Stasi mich auf dem Kieker. Die ersten Jahre in Form einer OPK, das heißt einer Operativen Personenkontrolle. Da hat die Stasi Telefon, Post und alles andere kontrolliert. Später wurde daraus der Operative Vorgang "Exporteur". Außerdem waren IM auf mich angesetzt - insgesamt 24 - was durch die Akten alles belegbar ist. Darunter waren auch "Freunde" und sogar Personen aus der Verwandtschaft. Wenn man das hinterher so mitkriegt, ist das schon schlimm.
NDR Online: Wie waren ihre Haftbedingungen - vor allem die Einzelhaft?
Hartmut Kaesewurm: Ich war nicht die ganze Zeit alleine, sondern hatte des Öfteren mal einen Mithäftling. Die DDR hatte nach der Helsinki-Konferenz entsprechende Dinge unterschrieben (Anm. d. Red.: Die sogenannte "Schlussakte von Helsinki" nach der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, KSZE, 1973). Darin zählte Einzelhaft als Folter und war somit nicht gestattet. Und wenn jeden Morgen der diensthabende Offizier mit einem Block da stand und fragte: "Is was?", musste ich aufspringen und mich an der gegenüberliegenden Wand aufstellen und habe jeden Morgen geantwortet: "Is nichts!"
Eines Morgens jedoch habe ich gesagt, dass ich gern die Strafvollzugsordnung einsehen würde. Ich wolle mich mal schlau machen, wie lange man mich in Einzelhaft halten könne. Da schaute er mich an und sagt mir, ich sei nicht in Einzelhaft, sondern nur vorübergehend allein in einem Zweierverwahrraum - das war Stasi-Deutsch für Zelle. Und am selben Nachmittag bekam ich "Besuch" und hatte dann für eine Weile wieder jemanden auf der Zelle.
NDR Online: Kamen Sie auch mal an die Luft während der Haft?
Hartmut Kaesewurm: Beim ersten Mal wusste ich gar nicht, was genau passiert. Der Wärter schloss die Zelle auf und sagte: "Bett zwei, kommen Sie!" Mehr nicht, es hat keiner mit ihnen gesprochen bei der Stasi. Entweder ging es dann zum Verhör oder wo auch immer hin. Wir gingen eine Treppe runter, es wurde immer kälter und ich wusste nicht wohin es ging - da hat man die schlimmsten Gedanken. Und dann macht die Wache die Tür auf und schiebt mich rein in diesen Hof, nicht viel größer als ein Schweinekoben, ringsherum fünf Meter hohe Mauern und oben sehe ich den Himmel. Das war mein täglicher Freigang - außer an den Wochenenden.
NDR Online: Was haben Sie von anderen Häftlingen mitbekommen in der U-Haft?
Hartmut Kaesewurm: Gesehen habe ich sie nie, aber gehört. Die Schließer habe ich gesehen und den Verhörer. Aber es war hellhörig - und man bekam mit, wie die Posten an den Zellen entlanggingen. Ich konnte mir vorstellen, wo die gerade waren, hörte die Schlüssel im Schloss und wusste dann, dass der Nachbar zum Freigang gebracht wurde. Das Ohr wird ganz schön geschult, wenn sie den ganzen Tag nichts anderes tun als rumliegen.
NDR Online: Wissen sie, was mit den Stasi-Leuten passiert ist, mit denen sie damals zu tun hatten?
Hartmut Kaesewurm: Ja. Derjenige, der mich da verhört hat, der Hauptuntersuchungsführer, war Hauptmann der Staatssicherheit. Den habe ich später unter anderem wegen Rechtsbeugung angezeigt. In den Unterlagen konnte ich nach der Wende lesen, dass er während meiner Haft geschrieben hatte, dass dem Kaesewurm nichts vorzuwerfen sei und dass er sowieso freigekauft würde. Wenn das keine Rechtsbeugung war, weiß ich es auch nicht - sogar nach DDR-Recht.
Nach knapp zehn Jahren wurde dieses Verfahren allerdings ohne eine Verurteilung des Beschuldigten eingestellt. Seine Strafe, so wurde mir mitgeteilt, sei allein der Umstand, dass zehn Jahre lang gegen ihn ermittelt worden sei. Diese Art von Umgang mit der DDR-Geschichte enttäuscht mich an der deutschen Justiz heute sehr.
Und dann gab es noch meinen Anwalt, der mich "verteidigt" hat. Er war der Unterhändler für Dr. Vogel hier im Norden, zuständig für die Gefangenenverkäufe. Aber wie ich erfahren musste, hatte er mit der Stasi zusammenarbeitet. Außerdem hat er in meinem Namen Verwandte und Freunde im Westen um Geld für mein Verfahren gebeten und sie auf sein eigenes Konto in Lübeck zahlen lassen.
Dieser Herr sollte dann auf Vorschlag der CDU Ehrenbürger der Stadt Rostock werden. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Mit ein paar Gleichgesinnten haben wir dann dafür gesorgt, dass er das nicht wurde. Er hat natürlich alles abgestritten, bis er zum Schluss zugeben musste, das er Inoffizieller Mitarbeiter war.