Interaktive Karte
Manchmal war es schon schwierig, sich im alten Grenzland zurecht zu finden. Am Ende haben wir's doch geschafft. Ihr auch - dank interaktiver Karte. mehr
Geboren und aufgewachsen im ehemaligen „Zonenrandgebiet“ in Rotenburg an der Fulda, Osthessen – bin ich quasi von Beginn an ein „Grenzgänger“. Bewusst habe ich den „antifaschistischen Schutzwall“ zwar nicht mehr erlebt - dafür aber die Umbrüche und Veränderungen im ehemaligen Grenzgebiet in den letzten zwanzig Jahren: von den braunkohlebraunen Häuserfassaden, Straßen mit Kopfsteinpflaster bis zu neuen Autobahnen und Gewerbegebieten mit McDonalds.
Im Osten bin ich geboren, in Jena. Allerdings haben wir dort nicht sehr lange gelebt: 1985 sind wir rüber, mit einem halblegalen Ausreiseantrag – offiziell nach Algerien, da kommt mein Vater her. Statt in Nordafrika sind wir in Niedersachsen, Celle gelandet. Meine Mutter hatte bei der Ausreise mit dem Zug solche Angst vor den Kontrolleuren, dass sie im Westen ihren alten Ausweis aus dem Fenster warf. Irgendwo zwischen Ost und West, zwischen Thüringen und Niedersachsen, muss der Ausweis noch heute liegen.
Fast wäre ich im Osten geboren worden, in der Nähe von Rostock, wenn Muttern nicht früh genug rübergemacht hätte. Gut – das war 20 Jahre bevor ich überhaupt geplant war, aber wenigstens steckt irgendwo doch ein Stückchen Ossi in mir. Mein roter Plastik-Trabbi, heißgeliebtes Highlight aus dem ersten Care-Paket meiner Ostverwandschaft ist irgendwann im Keller gelandet. Ich bin gespannt, ob vielleicht noch einer von den großen Trabanten die 20 Jahre überstanden hat. Hoffentlich ein roter.
Menschenmassen, Sprechchöre, lautes Pfeifen – ich war mittelmäßig beeindruckt vom Fall der Berliner Mauer. Damals mit acht Jahren im Wohnzimmer meiner Eltern. Die waren nicht mehr vom Fernseher weg zu bewegen und dabei wollte ich doch beschäftigt werden. Der reale „Erstkontakt“ mit den Ostdeutschen ließ nicht lange auf sich warten. Zu Weihnachten bekamen unsere Nachbarn Besuch von Verwandten aus Magdeburg. Menschen zum Anfassen, teilweise in meinem Alter und keine langweiligen Nachrichtensprecher oder Politiker. Mein Interesse hatte sich schlagartig gesteigert!
Unterstützt wird das Team in der Grenzregion von den Grenzgängern in Hamburg.
Nur zweimal in meinem Leben habe ich meine Mutter vor dem Fernseher weinen sehen. Das zweite Mal war am 11.09. 2001. Das erste Mal am 9.11. 1989, der Tag, an dem die Mauer fiel. Als achtjähriger Knirps hatte ich keine Ahnung, was das bedeuten sollte: Gut, da tanzten ziemlich viele Menschen mit seltsamen Frisuren auf einer hässlichen Mauer herum – aber ich wollte eigentlich lieber Rudi Carell gucken. Inzwischen habe ich begriffen, das das Leben selbst die spannendsten Geschichten schreibt. Wer braucht da noch einen Showmaster aus Holland?
Mein Vater kommt aus Mecklenburg-Vorpommern, meine Mutter aus Niedersachsen, mein Bruder ist 1989 geboren. Dass sich letzteres überhaupt so ereignen konnte, liegt an einem halblegalen DDR-Ausreiseantrag meiner Oma: Nach einem Verwandtschaftsbesuch 1953 ist sie mit meinem Vater einfach im Westen geblieben. An den Mauerfall selbst kann ich mich nicht erinnern, ich war fünf Jahre alt. Meine Eltern aus Ost- und Westdeutschland haben diese Zeit umso intensiver erlebt.
Es war die zweite Schublade von unten – im Wohnzimmerschrank lag damals eine rote VHS-Kassette. Auf dem Cover ein riesiges Feuerwerk. Als kleiner Stöpsel von 8 Jahren war das spannend. Feuerwerke habe ich schon immer gemocht. Ich sah jubelnde Menschen auf einer hohen Mauer, mit Schals und dicken Jacken, die schrieen und grölten, einige fielen sich um den Hals. Verstanden hab ich damals nur, dass diese Menschen total glücklich waren. Dann endlich kam das große Feuerwerk, da war auch ich selig. Das Ende der DDR war für mich bunt, laut und einfach nur schön.
„Nein das ist nicht für Dich, das ist für die Ostzone!“. Ich muss verdammt jung gewesen sein, als Omma mich brüsk zurückgewiesen hat, ob meines Interesses für die am Küchentisch ausgebreiteten Leckereien. Doch der Satz ist hängengeblieben. „Ostzone“. In meinem kleinen Kinderhirn machten sich die wildesten Phantasien breit. Ob da irgendwelche Monster leben, die ich aus Comics oder Serien kannte? Jahre später war ich fast täglich in der „Ostzone“: An der Humboldt-Uni in Berlin. Gewohnt habe ich im ehemaligen Westteil der Stadt, ich wollte ja nicht gleich übertreiben...