"Jetzt bewegen wir was"
Der Schweriner Martin Klähn gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Neuen Forums. mehr
Mit "Demokratie Jetzt", gegründet am 12. September 1989, tauchte der Ausdruck "Bürgerbewegung" zum ersten Mal auf - die Gruppierung bezeichnete sich selbst so. Im Zusammenhang mit den Protesten in der DDR setzte sich die Bezeichnung schnell durch und wurde zu einem Synonym für sämtliche oppositionelle Gruppen der DDR, die im Herbst 1989 an die Öffentlichkeit traten und eine demokratische Öffnung der DDR-Gesellschaft anstrebten.
Als Sprachrohr vieler Bürger trugen sie zur Wende wesentlich bei. Zu den bedeutendsten Gruppen der Bürgerbewegung zählten das "Neue Forum", "Demokratischer Aufbruch", "Demokratie Jetzt", "Initiative für Frieden und Menschenrechte" sowie die "Sozialdemokratische Partei" (SDP).
Umwelt-, Friedens- und Frauengruppen gab es in der DDR bereits vor 1989, beispielsweise das 1982 gegründete Netzwerk "Frauen für den Frieden" und die Gruppe "Menschenrechte in Leipzig", die sich 1986 formiert hatte. Seit den Siebzigerjahren existierte eine lose organisierte Friedensbewegung, die Friedensgebete veranstaltete. Diese wurden 1989 zum Ausgangspunkt der späteren Montagsdemonstrationen.
Ein Großteil der über 300 zumeist winzigen Oppositionsgruppen, die in den späten Achtzigerjahren in der DDR existierten, war in Berlin aktiv. Im Januar 1988 organisierte die Berliner "Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht" eine Protestaktion, im Zuge deren Dutzende Oppositionelle verhaftet wurden. Die Verhaftungen lösten eine landesweite Solidaritätswelle aus, die jedoch rasch wieder abebbte - auch, weil die Oppositionsgruppen bisher schlecht organisiert und kaum miteinander vernetzt waren.
Ende Februar 1989 fand das Treffen "Frieden konkret VII" statt, zu dem Delegierte zahlreicher Oppositionsgruppen anreisten, um über ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Doch sie fanden keine gemeinsame Linie. Statt einer einheitlichen Bewegung wurde eine Vielzahl neuer Einzelinitiativen ins Leben gerufen. So formierte sich schrittweise das "Neue Forum" um Bärbel Bohley, Katja Havemann und Rolf Heinrich, während Martin Gutzeit und Markus Meckel die Gründung einer "Sozialdemokratischen Partei" anstrebten und Rainer Eppelmann, Edelbert Richter und weitere Kirchenmitglieder sich zur Gruppe "Demokratischer Aufbruch" zusammentaten.
Die offizielle Gründung des "Neuen Forums" fand am 9./10. September in Grünheide bei Berlin statt. Zu den Mitgliedern gehörten prominente Aktivisten der DDR-Friedensbewegung wie Bärbel Bohley, Katja Havemann und Hans-Jochen Tschiche. Das "Neue Forum" bildete "eine politische Plattform für die ganze DDR, die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen möglich machte, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen", wie es im Gründungsaufruf heißt. Die anderen Gruppen zogen rasch nach: In den folgenden Wochen entstand die Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt", der "Demokratische Aufbruch" und die "Sozialdemokratische Partei". Die "Initiative Frieden und Menschenrechte" bestand bereits seit 1986.
Von der großen Zustimmung in der Bevölkerung waren die Gruppen überrascht: Bereits Ende September hatten über 10.000 Menschen den Aufruf des "Neuen Forums" unterschrieben. Binnen weniger Wochen konnten die Gruppen landesweite Strukturen aufbauen. Mittels Mund-zu-Mund-Propaganda und Handzetteln gelang es, Tausende Menschen zu mobilisieren, die zuvor keinen Kontakt zur regimekritischen Szene hatten. Populär wurden die Oppositionsgruppen auch durch die Berichterstattung in den westdeutschen Medien.
Am 4. Oktober veröffentlichten die Gruppen mit Vertretern verschiedener Friedenskreise eine gemeinsame Erklärung. Unter anderem forderten sie eine offene gesellschaftliche Diskussion sowie freie Wahlen. Die Gruppen verstärkten ihre Zusammenarbeit, konkurrierten jedoch gleichzeitig um Medienpräsenz und Mitglieder. Konkrete Protest-Aktionen organisierten die Oppositionsgruppen nicht. Diese begannen woanders: Die Leipziger Montagsdemonstrationen weiteten sich aus und verbreiten sich in der ganzen DDR. Die Oppositionsgruppen und die Montagsdemonstrationen verstärkten sich gegenseitig - und waren damit letztlich zwei Seiten eines gemeinsamen, landesweiten Protests.
Zwei Monate nach dem Mauerfall, am 7. Dezember 1989, trafen erstmals SED-Funktionäre und Vertreter der oppositionellen Gruppen an einem Zentralen Runden Tisch in Berlin zusammen. Bei den Volkskammerwahlen der DDR im März 1990 stellten sich mehrere der Gruppen zur Wahl. Das "Neue Forum", "Demokratie Jetzt" und die "Initiative für Frieden und Menschenrechte" schlossen sich zum "Bündnis 90" zusammen. Der "Demokratische Aufbruch" ging ein Wahlbündnis mit der CDU und der 1990 gegründeten Kleinpartei "Deutsche Soziale Union" ein. Nach der Wiedervereinigung verloren die Oppositionsgruppen jedoch mehr und mehr an Bedeutung. Am 17. Juni 2009 stand die DDR-Bürgerbewegung in ihrer Gesamtheit noch einmal im Rampenlicht: Sie wurde mit dem Point-Alpha-Preis für ihre Verdienste im Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands geehrt.