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Übers Wasser in die Freiheit
von Nils Zurawski
Bei Nacht und Nebel
Die Grenzbrigade Küste kontrollierte Strand und Meer.
Es folgten Monate der Planung und Vorbereitung, in denen der Elektromeister oft nachts in den Dünen lag, um mit einem Fernglas das Meer und die Grenzsicherung zu beobachten. Außerdem kundschaftete er einen sicheren Weg von Neubukow ins 17 Kilometer entfernte Kühlungsborn aus, wo sie nicht in Gefahr waren, den Wachen in die Hände zu laufen.
Alfred Kostbade hatte für die Flucht über Wasser ein Schlauchboot besorgt. Es bot genug Platz für vier Personen und hatte einen Motor. Die Familie bereitete sich auf die gefährliche Flucht bei Nacht über das tückische Binnenmeer vor: Um im entscheidenden Moment keine Zeit zu verlieren, musste sie üben, das Boot so schnell wie möglich und ohne Licht zusammenzubauen. Dazu hatte Alfred Kostbade sich einen speziellen Blasebalg gebaut, um mit wenig Aufwand die drei Kammern des Bootes zu füllen, denn im entscheidenden Moment musste die Familie samt Boot so schnell es geht im Wasser sein. Am Schweriner See stand Konditionstraining auf dem Programm: Die ganze Familie musste lernen, das Schlauchboot nur mit Paddeln auf Kurs zu halten - eine echte Herausforderungen, noch dazu in einem voll besetzten Boot.
Geheime Fluchtpläne
Für den Familienvater war von Anfang an klar, dass die ganze Familie eingeweiht sein und hinter der Flucht stehen muss, sonst wäre er nicht gefahren, betont der heute 61-Jährige. Doch außer ihnen wusste niemand sonst von den Fluchtplänen, selbst seine Eltern und sein Bruder nicht. Zu groß war nicht nur die Gefahr, dass einer von ihnen unbeabsichtigt den Fluchtplan verraten würde: Familie Kostbade wollte so auch die Verwandten vor den Fragen der Stasi schützen, die nach einer erfolgreichen Flucht unweigerlich bei Eltern und Bruder vor der Tür stehen würde. Tatsächlich mussten Verwandte und Freunde der Familie nach deren nächtlicher Flucht Fragen und Verhöre über sich ergehen lassen - diese Vorsichtsmaßnahme war nur allzu berechtigt.
Ziele im Westen waren die dänischen Inseln, die Insel Fehmarn und die Travemünder Bucht.
Am 13. Oktober 1988 war es soweit: Viermal schon hatten die Kostbades Anlauf genommen, doch immer kam ihnen etwas dazwischen. Meistens lichtete sich der Nebel und machte eine Flucht unmöglich, denn bei normalen Wetterbedingungen wären sie am Strand sofort aufgeflogen und von den Suchscheinwerfern der Grenztürme erfasst worden. Alfred Kostbade, seine Frau und die Kinder fuhren nach Kühlungsborn, versteckten sich im Stadtwald, der bis fast an die Dünen heranreichte. Sie bauten in Windeseile das Boot auf und brachten es ins Wasser. Dann paddelten sie im Schutz der Nacht und des Nebels um ihr Leben und gen Westen, ausgerüstet nur mit einem einfachen Kompass.
Nach fünf Stunden waren sie vollkommen erschöpft und wagten es, den Motor anzuwerfen. Nach insgesamt zehn Stunden und fast 40 Seemeilen erreichten sie die Insel Fehmarn - am Ende ihrer Kräfte, aber glücklich über die gelungene Flucht.
Erinnerungen an die Flucht übers Meer
Heute blickt Alfred Kostbade entspannt auf die vergangenen 20 Jahre seit dem Ende der DDR zurück. Er lebt in Rheine, wo er direkt nach der Flucht bei seiner Tante untergekommen ist und ist inzwischen Rentner. "Es ist gut so, wie es gekommen ist". Die Zeit, so sagt er, sei sicher nicht für alle einfach gewesen, gerade nicht für die Flüchtlinge, die im Westen von Null wieder anfangen mussten. Aber es sei letztlich gut, dass es dann so schnell gegangen ist. Die Wendezeit erlebte er im Westen - erstaunt über das Tempo, in dem die DDR unterging. Er hätte jedoch nicht einfach noch ein Jahr warten wollen, zumal er zum Zeitpunkt der Flucht im Leben nicht daran gedacht hätte, dass es nur noch ein Jahr dauern sollte, sagt er in der Rückschau.
Das Boot der Kostbades ist heute Teil der Ausstellung "Über die Ostsee in Freiheit".