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Mayk Koch - Der letzte Flüchtling an der Elbe
von Angelika Hoffmann, NDR 1 Niedersachsen
Mayk Koch zeigt die Stelle, an der er einen Fluchtversuch über die Elbe unternahm.
Der 4. August 1989 war ein Freitag. Schlachter Mayk Koch stand in der Kaufhalle von Hagenow hinterm Fleischtresen, klopfte Karbonaden, schnitt Rouladen und hatte immer einen fröhlichen Spruch für die Kunden. Freitags kamen immer besonders viele aus der benachbarten Kaserne. Eigentlich war alles wie immer, als hätte es die letzten 49 Tage im Leben des 24-Jährigen nicht gegeben: den Sprung in die Elbe, dann plötzlich diese Strömung, die Angst und die panische Umkehr. Im Morgengrauen folgte die Verhaftung, und danach kamen die Wochen im Schweriner Gefängnis für Schwerkriminelle.
"Weg, nur weg"
Die Fluchttasche von Mayk Koch steht im Museum Hitzacker.
Ein paar Tage zuvor war er dann urplötzlich freigelassen worden. Gerade eine Woche war das jetzt her, dass er von Polizisten ohne Kommentar vor seinem Elternhaus in Jessenitz bei Lübtheen abgesetzt worden war. "Ich wusste erst gar nicht, wo es hingeht, glaubte, die bringen mich nach Sibirien." Mayk hatte noch am selben Tag wieder mit der Arbeit angefangen. "Aber es war unheimlich", erinnert sich der heute 44-Jährige an die Tage danach. "Alle wussten etwas, aber keiner hat darüber geredet."
Es war eine regnerische und kühle Nacht am 8. Juni 1989, als die beiden Freunde Mayk Koch und Siegfried "Siggi" Wehrhahn mit ihrer selbst gebauten Leiter im Amt Neuhaus über den geharkten Kontrollstreifen Richtung Grenzzaun robbten. Monatelang hatten sie sich vorbereitet, das Schwimmen trainiert und Sprünge aus großen Höhen. Und sie hatten mit einem Ex-Grenzer heimlich über die Sperranlagen geredet. "Weg, nur weg. Wir hatten es satt, dieses Eingesperrtsein", sagt er heute über sein Motiv für die Flucht. "Überall Grenzen, Zäune und Mauern, dazu die Unsicherheit: Ist dieser Freund wirklich mein Freund - oder ein Stasi-Spitzel?"
Sprung ins Dunkle
Mit dieser Leiter hatte Mayk Koch den Grenzzaun überwunden.
Es war 21.30 Uhr, als die beiden ihre Leiter Stück für Stück über den eisernen Vorhang spannten. Beim zweiten Anlauf gelang der Sprung in die Tiefe, erinnert sich Mayk: "Wir sind ja über viereinhalb Meter gesprungen, in Dunkle. Das ist nicht ganz einfach, in die Dunkelheit zu springen. Das ist eine Überwindung. Denn man weiß ja nicht, wo man hinspringt. Der Körper sagt zwar, jetzt müssen die Füße federn. Aber das knallt dann einfach nur."
500 Meter fehlten noch bis zur Elbe, da tappten sie in einen Draht, dann in einen weiteren. Dann waren sie schon im Schilf der Elbe - und schwammen los. Aber nur Siegfried erreichte das rettende Westufer der Elbe. Mayk Koch war nicht so schnell - und dann verließen ihn die Kräfte, Panik kam auf. "Wir sind beide zusammen ins Wasser gegangen, und dann war Siggi schneller. Es war diese Aufregung. Und dann ging es nicht mehr. Da hat die Kraft gefehlt. Ich wäre auch noch mal reingegangen, wenn es nicht hell geworden wäre. Aber das ging einfach nicht. Da hatte man keine Chance mehr."