Wendepunkte

Was geschah sonst noch am 26. August?

Anlässlich des 200. Jahrestages der Verkündung der Menschenrechte der Französischen Revolution rufen die DDR-Dissidenten Martin Gutzeit, Markus Meckel, Arndt Noack und Ibrahim Böhme in Ost-Berlin zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei in der DDR auf.

Glossar
Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR © dpa-Zentralbild Fotograf: Günter Gueffroy
 

Armee

Der Wehrdienst stellte große psychische und physische Anforderungen. mehr

 

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"Los, schwimm weiter!"

von Ilka Kreutzträger

Jörn Ehrenheim. © NDR/Jörn Ehrenheim Detailansicht des Bildes Jörn Ehrenheim 2009 am Schweriner See vor dem Schloss der Landeshauptstadt. Im Sommer 1989 verbringen Jörn Ehrenheim und sein Freund Matthias so viel Zeit wie sie können am Pinnower See. Sie schwimmen wieder und wieder durch den See, der etwa zehn Kilometer südöstlich von Schwerin liegt. Bald schaffen sie es, die knapp zwei Kilometer lange Strecke zehnmal hin- und zurück zu schwimmen. Ihr Training soll sich am 26. August auszahlen.

Während die beiden Anfang Zwanzigjährigen ihre Runden im See schwimmen und davon träumen, der DDR den Rücken zu kehren, rollt mit dem Ferienbeginn in der DDR am 2. Juli eine große Welle Touristen nach Ungarn. Von dort aus wollen sie über die "Grüne Grenze" nach Österreich und in den goldenen Westen entkommen - im Mai hatten die Ungarn damit begonnen, die Grenzzäune abzubauen. Doch das ist noch immer schwieriger, als viele annehmen.

Massenflucht in den gelobten Westen

Die Campingplätze sind bald überfüllt und erste Notlager für DDR-Bürger werden errichtet. Auch in der westdeutschen Botschaft in Budapest suchen einige Zuflucht. Ehrenheim sitzt in seiner Einzimmerwohnung in der Schweriner Plattenbausiedlung Großer Dreesch gebannt vor seinem Schwarzweißfernseher, den er seiner Nachbarin für 50 Mark abgekauft hat.

Am 19. August 1989 laden ungarische Oppositionelle im Grenzgebiet zu Österreich zu einem "Paneuropäischen Picknick" ein. Ein altes Grenztor zwischen dem ungarischen Sopron und dem österreichischen Mörbisch wird geöffnet, damit die Österreicher an dem Picknick teilnehmen können. Hunderte DDR-Bürger nutzen die Gunst der Stunde und fliehen in den Westen. Es ist die größte Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau und der Moment, in dem Ehrenheim an eine Flucht zu glauben beginnt.

"Raus hier, raus aus der Zone"

DDR-Flüchtlinge in Österreich. © dpa-Bildarchiv Detailansicht des Bildes Jubelnde DDR-Flüchtlinge mit ihren Reisepässen in Österreich am 19. August 1989. Noch 20 Jahre später senkt der heute 42-jährige Ehrenheim die Stimme, wenn er von der ersten Idee und den Vorbereitungen seiner Flucht erzählt. "Wir wollten nur raus, raus hier, raus aus der Zone, wir mussten hier weg", sagt Ehrenheim. "Ich sollte zur Nationalen Volksarmee eingezogen werden und da wollte ich auf keinen Fall hin. Ich war schon drei Wochen nicht zur Arbeit in die Bäckerei gegangen, aus Angst, dass sie mich direkt von dort mitnehmen würden." Aber noch warten er und sein Freund ab, verfolgen die Nachrichten und die nicht abreißenden Gerüchte, dass eine Ausreise über Ungarn nach Österreich möglich sein soll.

 

Am 24. August 1989 sitzt Ehrenheim wieder vorm Fernseher und sieht wie 108 DDR-Bürger, die in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest Zuflucht gesucht haben, in den Westen ausreisen dürfen und vom Internationalen Roten Kreuz nach Wien ausgeflogen werden. An diesem Abend fällt die Entscheidung und schnell steht der Fluchtplan fest: Ehrenheim und sein Freund kaufen sich am folgenden Tag ein Zugticket von Schwerin über Berlin nach Prag und Retour, sie packen jeder einen kleinen Rucksack und nehmen nur das Nötigste mit, alles soll so aussehen, als würden sie für ein Wochenende nach Prag fahren, um sich die Stadt anzuschauen. "Wir wussten, wie streng wir an der Grenze gefilzt werden würden und haben alles, was uns verraten hätte, nicht mitgenommen", erinnert sich Ehrenheim.

 

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Mustin © Bundespolizei Ratzeburg Fotograf: Sigurd Müller
 

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Paneuropäisches Picknick: Österreichische Grenzbeamte öffnen bei Sopron am 19 August 1989 ein Grenztor. © dpa Fotograf: Votava
 

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