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DDR-Punk: "Für mich war klar, ich geh' nach Hamburg"
von Astrid Reinberger
Es war ein Anruf, nach dem Roy Horak einen Entschluss fasste: Der "Punk" aus Ostberlin telefonierte mit einem Freund, der schon früher in die BRD ausgereist war und in Hamburg lebte. "Mach doch Urlaub in der ČSSR", sagte dieser Freund zu ihm. Damit war klar, was gemeint war - das Gerücht, dass es möglich war, über die ungarische oder tschechische Grenze auszureisen und in den Westen zu kommen, stimmte. Horak wollte diese Chance nutzen, bevor sie womöglich wieder vorbei war. So reiste er nach Prag, von da aus so nah wie möglich an die Grenze, den restlichen Weg ging er zu Fuß - wie viele andere auch. "An der Grenze haben mich die Tschechen gefragt, ob ich einen Ausweis habe, den habe ich hochgezeigt. ‚Ja gut, tschüß.’ Und dann war ich in Westdeutschland."
So einfach ging das auf einmal. Horak wollte auf keinen Fall in ein Auffanglager, sondern trampte direkt nach Hamburg, zu seinem Freund. Ironie des Schicksals: die Flucht - wenige Stunden bevor die Mauer fiel. Horak trägt das mit Fassung. Er lebt seitdem "auf St. Pauli".
Wenige Stunden, bevor die Mauer fiel, flüchtete Roy Horak über Prag nach Hamburg.
Es gab genügend Gründe für ihn, auszureisen: Horak gehörte zur zweiten Generation der DDR-Punks, einer Subkultur, die im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat als besonderer Angriff auf das sozialistische Menschenbild galt und dementsprechend vielen Schikanen ausgesetzt war. Horak hatte einen älteren Bruder, der sein Vorbild war - und so wurde Horak schon mit zwölf Jahren ein Punk. Das brachte ihm einen Spitznamen ein, den er bis heute trägt: "Bambino". "Ich hatte eben keine Lust, mich irgendwo anzupassen" sagt Horak, "das hat mich selbst als Zwölfjähriger schon total genervt." Die DDR sei ein einziges Dorf gewesen. Nicht nur der Staat, sondern die ganze Atmosphäre sei repressiv gewesen.
Ostpunk war anders als das BRD-Pendant. In der "anderen deutschen Republik" gab es keine Ladenbesitzer, die sich auf die Bedürfnisse dieser Jugendkultur einstellten. Die entsprechende Kleidung und die passenden Accessoires gab es nirgendwo zu kaufen. Den "Irokesenschnitt" konnten nur Freunde rasieren, nicht etwa der Friseur nebenan, und die Haare stärkten die Ostpunks mit Rasierschaum oder Bier. Die Kleidung sollte schwarz sein und möglichst zerrissen aussehen. Verschlüsse von Dosen oder Sicherheitsnadeln waren als Ohrringe zu gebrauchen. Anstecker wurden selbst entworfen. Wer sich so auf der Straße blicken ließ, musste Spießruten laufen, auch in Berlin, Horaks Geburtsstadt. Er erzählt: "Schon wenn wir auf die Straße gingen, wurde uns 'ab ins Arbeitslager' hintergerufen." Wenn Polizisten die Jugendlichen sahen, hieß es nur "Ausweiskontrolle" und wer Pech hatte, musste mit aufs Revier, sich die Haare waschen oder die Klamotten wechseln.
Wie eine Landung von Außerirdischen - die erste Generation
Der erste Generation des Ostpunk äußerte ihre Ablehnung von Staat und Gesellschaft vor allem durch die Musik und kritische Texte.
Entstanden war diese Punk-Szene Ende der 70er-Jahre. Das Phänomen wurde zunächst wahrgenommen wie die "Landung von Außerirdischen". So beschreibt es Henryk Gericke, der gemeinsam mit Michael "Pankow" Boehlke einen Film und eine Ausstellung über den Ostpunk gemacht hat. Die beiden gehörten wie Horaks Bruder zur ersten Punk-Generation, die sehr viel politischer war als die zweite. Diese erste Generation "erfand" den Ostpunk. Sie äußerte die Ablehnung von Staat und Gesellschaft nicht nur durch ihr Auftreten und eine Verweigerungshaltung, sondern vor allem durch ihre Musik und kritische Texte. Die Szene war eng verknüpft mit staatsfernen Künstlern aus anderen Bereichen wie der Bildhauerei und der Malerei. Treffpunkte waren Hinterhöfe, Keller, Wohnungen. Dort organisierten die Punk-Bands ihre Konzerte. Punk bedeutete, dass jeder Musik machen konnte, ob er ein Instrument beherrschte oder nicht.
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Im Interview erzälht "Pankow" über seinen Dokumentarfilm und seine eigene Biografie.
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Boehlke gründete in Berlin unter anderen mit Bernd Michael Lade, der heute als Tatort-Kommissar bekannt ist, die Band Planlos. Natürlich sollte gerade die DDR-Jugend einen Plan haben - und sich in Wort und Tat dem sozialistischen Aufbau und Schutz der Gesellschaft einsetzen. Doch Boehlke übte lieber vor dem heimischen Spiegel einen eigenen lässigen Gang, den, wie er später erfahren sollte, vor allem die Dresdner Punks begeistert nachahmten. Im Gegensatz zu den westlichen Punks gab es im deutschen Osten keine sozialen Gründe, um Punk zu werden, es ging nicht um Kapitalismuskritik, Armut oder "no future". Es war eher das "Zuviel" an Zukunft, an genau durchgeplanter Zukunft von der Stange, die keinen Individualismus erlaubte. Boehlkes Film trägt deshalb den Untertitel "too much future".