Archiv
"Mein Sohn ist doch kein Verbrecher!"
von Leonore Lötsch
Als ihr Sohn wegen "Republikflucht" verhaftet wird, verändert sich die Einstellung von Annelie Becker zum Sozialismus und der SED total.
Am 3. Oktober 1989 hastet eine kleine Frau durch die Innenstadt Rostocks. Eigentlich müsste sie jetzt schon an ihrem Schreibtisch im VEB Schiffselektronik sein, aber sie hat sich bei einer Kollegin abgemeldet. Auf dem Ernst-Thälmann-Platz stehen die Trabis und Wartburgs in Reih und Glied. Annelie Becker verlangsamt ihre Schritte. Sie weiß, dass das, was sie vorhat, durch ihr bisheriges Leben einen dicken Strich macht. In ein paar Tagen wird die DDR 40. Diesmal wird sie nicht mitmachen bei der Jubelparade. Ihr Herz klopft schneller, als sie die unscheinbare Tür an der Rückseite des Rostocker Rathauses öffnet, die Tür, von der man sich in ganz Rostock erzählt, dass dahinter Ausreiseanträge abgegeben werden können. Was sie erwartet, weiß sie nicht, dafür um so genauer, was sie will: Annelie Becker will zu ihrem Sohn Mike in den Westen. 17 Jahre war sie Genossin, nun pfeift sie auf den Sozialismus.
Ein sozialistisches Elternhaus
Annelie Becker ist weit davon entfernt, eine Oppositionelle zu sein. Fast 45 Jahre alt ist sie im Oktober 1989. Ihr Vater, ein Korvettenkapitän in Warnemünde, im Krieg ein überzeugter Sozialdemokrat, später ein treues SED-Mitglied, und auch ihre Mutter, eine Erzieherin, vermittelten der jungen Annelie schon früh: Hier in der DDR wird etwas für alle aufgebaut. "Wir waren nicht fünfhundertprozentig, also wir hatten keine Karl-Marx-Ecke im Wohnzimmer mit roter Fahne, aber natürlich war Westfernsehen für uns verboten," erinnert sich Annelie Becker. Und so wuchs sie mit dem Bewusstsein auf, im fortschrittlicheren, im menschlicheren, im sozialistischen Deutschland zu leben. Lebenslustig war sie, aber auch ehrgeizig. Sie studierte, arbeitete, bekam ein Kind, heiratete, ließ sich scheiden - das Leben eben. Sie wusste, was auf der Parteiversammlung gesagt werden musste und was am Küchentisch in der Neubauwohnung. Sie ärgerte sich über sogenannte Versorgungsengpässe - aber weggehen aus Rostock, ihre Heimat verlassen, das kam ihr nicht in den Sinn.
Die persönliche große Wende
Ihr Junge hatte ich oft genug die Verhältnisse in der DDR scharf kritisiert und schließlich mit Freunden die Flucht gewagt.
Der Sommer 1988 veränderte sich das Leben von Annelie Becker. Es war nur ein kleiner unscheinbarer Zettel, den sie auf ihrem Wohnzimmertisch fand. "Mutti, mach dir keine Sorgen, ich bin mit Sven unterwegs," stand darauf. Ihr damals 18-jähriger Sohn Mike hatte Sommerferien, wahrscheinlich würde er in Berlin sein, glaubte die Mutter. Sie hatte die Enttäuschung des Jungen über den real existierenden Sozialismus in der DDR in diesem Sommer mehr als ein Mal gespürt. Er träumte davon, Flieger zu werden. Seine Lehre im VEB Nachrichtenelektronik in Greifswald hatte er gerade abgeschlossen. Wenn er am Wochenende nach Hause kam, dann erzählte er, wie die Meister in der Nachtschicht die Türen zuschlossen und sich einfach schlafen legten. "Planerfüllung, der sozialistische Wettbewerb - das sind Phrasen für den Staatsbürgerkundeunterricht und die Aktuelle Kamera. Mutti, der Sozialismus in der Werkhalle sieht ganz anders aus."