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"Wir haben gerade die Stasi dichtgemacht"
von Ilka Kreutzträger
Bürger inmitten der sensibelsten Akten
Die Männer versiegelten auch die Kantine der Stasi.
Rogge wurde in das schummrig erhellte Foyer des Hauptgebäudes gebracht, wo schon zahlreiche Demonstranten warteten. Sie stellten zwei Gruppen von jeweils etwa zehn Männern zusammen und klingelten zwei Staatsanwälte aus dem Bett, mit deren Hilfe sie die Räume im Gebäude ordnungsgemäß versiegeln wollten. Die beiden Gruppen begannen ihren Rundgang durch die knapp 2.000 Räume der riesigen Stasi-Zentrale. Das Hauptgebäude hatte vier Stockwerke und eine Kelleretage, es gab die Untersuchungshaftanstalt, mehrere Verbindungsgebäude, ein Hochhaus, in dem die Kreisdienststelle der Staatssicherheit untergebracht war, und die Hallen für den eigenen Fuhrpark. "Wir hatten ja keine Vorstellung vom Grundriss und liefen in dem Gebäudekomplex rum wie Falschgeld", sagt Rogge.
Trafen sie auf Stasi-Mitarbeiter, schickten sie sie nach Hause und versiegelten die Bürotüren. "Aber die Staatsanwälte waren ja auch mehr oder weniger 'rote' Leute, denn sonst wären sie gar nicht in dieser Position gewesen", erinnert sich Rogge an die wenig kooperativen Juristen, denen es offensichtlich ein Gräuel war, dass normale Bürger nun Zugriff auf die sensibelsten Akten haben würden.
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04.11.2009 | 21:02 Uhr
NDR Fernsehen
Gerhard und Ingrid Rogge zu Gast in der Sendung Menschen und Schlagzeilen.
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Nachdem die Männer schon durch unzählige notbeleuchtete Gänge und Büros gegangen waren, kamen sie zu dem Raum, in dem alle Informationen der Beobachtungsposten auf dem Gelände zusammenliefen. Hier saß ein Stasi-Mitarbeiter, beobachtete die Monitore der Überwachungskameras und protokollierte die minütlich eingehenden Meldungen. "Diese penible Lageerfassung endete, als wir das Zimmer betreten und ihm den Stift aus der Hand genommen haben", erzählt Rogge. Noch bis zu diesem Zeitpunkt sei für die Stasi-Leute einfach nicht vorstellbar gewesen, dass sie tatsächlich die Kontrolle verlieren könnten.
"Herr Rogge, jetzt wissen Sie mehr als jeder andere hier"
Erst morgens um sechs Uhr war der gesamte Komplex leer, bis auf die Polizei, die in der Zwischenzeit die Überwachung übernommen hatte. "Wir sind dort sehr erschöpft raus, und ich musste gleich weiter zur Arbeit", sagt Rogge. "Ich weiß noch, dass ich auf dem Weg die Postbotin traf. Ich sagte zu ihr: 'Wir haben gerade die Stasi dichtgemacht.' Und sie hat geantwortet: 'Ist ja prima.'"
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Als der unabhängige Untersuchungsausschuss die Stasi-Zentrale in Rostock systematisch aufzulösen begann, kam manch Kurioses ans Tageslicht.
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In den Tagen nach der Räumung wurde ein unabhängiger Untersuchungsausschuss gegründet, der die Stasi-Zentrale - im Prinzip eine eigene kleine Stadt mit medizinischer Versorgung, einer Bank und einem immensen Waffenarsenal im Keller - auflösen sollte. Rogge war Gründungsmitglied dieses Ausschusses und erinnert sich noch an einen Tag, an dem er mit einem Stasi-Mitarbeiter wieder einmal durch die unendlichen Flure des Gebäudes ging. Herr Rogge, habe der Mann zu ihm gesagt, jetzt wissen Sie mehr als jeder andere hier im Haus. "Da verstand ich, dass er in seinem militärisch obrigkeitsgewöhnten Denken mich als seinen neuen Chef installiert hatte. Ich hätte ihm jetzt sagen können: 'Machen Sie dies und machen Sie das.' Er hätte die unsinnigsten Befehle ausgeführt."
Heute können Betroffene die geretteten Stasi-Akten einsehen, wie hier in der Außenstelle Rostock.
Eine Erkenntnis, die für den Pfarrerssohn, der sich seit Anfang der 80er-Jahre in der Friedensbewegung engagiert hatte, nur schwer auszuhalten war. Er hat nie wieder in seinem Job als Diplomingenieur für Schiffbau gearbeitet. Bis zum 3. Oktober 1990 blieb Rogge im unabhängigen Untersuchungsausschuss. Nach der Wiedervereinigung baute er die Landessozialbehörde in Rostock mit auf, die sich heute um die Rechte von Kindern, Jugendlichen, Asylsuchenden und Schwerbehinderten kümmert. Eine Behörde, die es so in der DDR nie gegeben hatte.