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Die Wende existiert nicht: In U-Haft bei der Stasi
von Nils Zurawski
Ein Non-Konformist im Anpassungsstaat
Er wurde am 23. April 1988 auf dem Weg zur Arbeit auf offener Straße von der Stasi verhaftet und in die Untersuchungshaft gebracht. Kaesewurm hatte sich vom ersten Moment an vorgenommen, auf jeden Fall "gegenzuhalten und nicht zu Kreuze zu kriechen". Diese Haltung sowie seine Einstellungen zu bestimmten Dingen ließen ihn in den Augen der Stasi als "frechen Hund" erscheinen. Man würde sich nicht "länger mit anschauen, dass bei ihm zu Hause Ausländer und Antragsteller sich die Klinke in die Hand geben", bekam Hartmut Kaesewurm als Antwort auf seine Frage nach dem Haftgrund von der Stasi zu hören. Für ihn bestätigte das heute und auch damals schon, dass es der Stasi allein darum ging, ihn kleinzukriegen, weil er ein Leben abseits des Normbildes eines DDR-Bürgers führte. Etwas Konkretes hatten sie ihm nicht vorzuwerfen.
Der Eingang zum früheren Untersuchungsgefängnis in Rostock, in dem sich heute eine Gedenkestätte befindet.
Es waren vor allem sein "Lebenswandel", seine, auch durch den Beruf ermöglichten, vielfältigen ausländischen Kontakte und Freundschaften, die offenbar störten. Auch der Umstand, dass seine Frau Ausreisewilligen half, machten ihn zu einer unliebsamen Person. Kaesewurm war nicht Mitglied der SED und verweigerte sich auch sonst den üblichen Anpassungszwängen des DDR-Staates. Das allein schien auszureichen für die Untersuchungshaft, die Verhöre und eine spätere Verurteilung zu vier Jahren Gefängnis - ohne Verhandlung. Beweise oder auch nur eine konkrete Tat waren dazu nicht nötig.
Vergangenheit und Aufklärung
May-Britt Krüger konnte die U-Haft am 31. Oktober 1989 im Rahmen der Amnestie für Republikfüchtlinge verlassen, Hartmut Kasewurm wurde bereits am 27. September 1989 in die "normale" Haft nach Cottbus überstellt, erst im Dezember 1989 kam er endgültig frei. May-Britt Krüger ging nach Düsseldorf, Hartmut Kasewurm nach Hamburg. Er kehrte erst nach der Wiedervereinigung und dem Ende der DDR wieder nach Rostock zurück. Krüger vermisste am Rhein schnell die Ostsee und den Norden und lebt ebenfalls seit Jahren wieder in ihrer Heimat.
Beide sehen in der Willkür der Stasi das eigentliche Verbrechen, das ihnen widerfahren ist. So wurden sie beide ohne Verfahren verurteilt. Während ihrer Haft, so sagen sie übereinstimmend, ging es nicht um die Wahrheit, um eine konkrete Anklage, sondern vor allem darum, sie als Menschen zu brechen. Dazu war den Stasi-Leuten fast jedes Mittel recht.
Bildergalerien
In dem kargen, viergeschossigen Bau an der August-Bebel-Straße saßen zwischen 1960 und 1989 insgesamt 4.873 Menschen ein: Bilder aus der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Rostock.
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Damit ihre und auch die Geschichte der DDR als Willkür-Staat auch heute nicht in Vergessenheit gerät und die vielen Opfer eine Stimme haben, engagieren sich May-Britt Krüger und Hartmut Kaesewurm für eine Aufklärung und die damit verbundenen Aspekte der DDR-Geschichte. Sie stehen als Zeitzeugen Journalisten und Wissenschaftlern zur Verfügung, arbeiten in Opferverbänden sowie der Dokumentations- und Gedenkstätte der Stasi U-Haft in Rostock. May-Britt Krüger macht dort Führungen und erzählt den Besuchern ihre Geschichte.