Tschüss DDR: Rüterberg wird Dorfrepublik
von Gisela Jaschik, NDR 1 Niedersachsen
Nur nach genauer Personenkontrolle durften Bewohner den einzigen Zugang zum Dorf passieren, der nachts geschlossen wurde.
"Da vorn an der Straße stand der Grenzzaun, fast zum Greifen nah. Wir hatten ihn direkt vor der Nase", erzählt Hannelore Zieglowski aus Rüterberg. Am Geesthang, hoch über der Elbe, steht ihr Bauernhaus. In der DDR war ihr Heimatort rundherum abgeriegelt - mit einem Grenzzaun am Fluss und einem zweiten Zaun, der den Ort vom Landesinneren trennte.
"Niemand konnte rein und raus wie er wollte"
Daran erinnert sich die 57-Jährige noch gut. "Heute hier zu wohnen, das ist einfach traumhaft", sagt die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, "dass man hingehen kann, wo man will. Früher durften wir nicht einmal die Straße verlassen. Denn da war der gepflügte Streifen. Dort durften die Kinder nicht spielen. Wenn sie den aus Versehen betraten, hatten sie Angst, dass die Grenzer kommen. Und der Zaun am Ortseingang war immer abgeschlossen. Niemand konnte rein und raus wie er wollte!"
Audiobeiträge
08.09.2009 | 14:45 Uhr
NDR 1 Niedersachsen
Gut 20 Jahre lang lebten die Rüterberger rundum abgeriegelt. Am 8. November 1989 wagten die Dorfbewohner den Aufstand, forderten ihre Unabhängigkeit und riefen später die "Dorfrepublik Rüterberg" aus.
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Ehemann Rainer musste als DDR-Bürger einmal einen Ostersonntag im Gewahrsam der Grenzsoldaten verbringen, festgenommen unmittelbar vor eigenem Hof, weil er ohne Ausweispapiere das Grundstück verlassen hatte. Daran erinnert sich Hannelore Zieglowski noch genau. "Heute ist zum Glück alles anders, sagt sie. "Man lebt hier sehr ruhig, aber frei. Und das ist sehr schön."
Leben im abgeriegelten Dorf
Ein einziges Tor, rund um die Uhr bewacht, war zu DDR-Zeiten der einzige Zugang zum Dorf. Tagsüber durften es Bewohner nur nach genauer Personenkontrolle passieren. Nachts blieb das Tor grundsätzlich verschlossen. Meinhard Schmechel, der als junger Grenzsoldat nach Rüterberg versetzt wurde, hatte dort geheiratet und war viele Jahre Ortsbürgermeister. "Ab 23.00 Uhr ging hier nichts mehr", erinnert sich der 61-Jährige. "War man unterwegs, konnte man bis morgens um 5.00 Uhr nicht mehr nach Hause. Man hatte dann vor dem Tor zu warten. Dann stand auf der anderen Seite am Tor der Grenzer und sagte lapidar: Sie waren nicht angemeldet und Ende!"
Übernachtung im Trabi vorm Zaun
So manche Nacht verbrachten vor allem junge Rüterberger in ihrem Trabi oder neben dem Moped vor dem streng bewachten Tor - so lange, bis die Ersten frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit waren und auf der anderen Seite warteten, bis das Tor geöffnet wurde: nach penibler Kontrolle der Personalausweise und Passierscheine, versteht sich. Darüber schüttelt Meinhard Schmechel noch heute den Kopf: "Manchmal musste man tatsächlich lachen - obwohl die Zeit sehr ernst war. Es war alles sehr kompliziert bei uns."
DDR-Bürger konnten das Grenzgebiet nur wegen dringender Familienangelegenheiten und mit Passierschein besuchen.
Selbst Ärzte wurden bei Notfällen barsch am Tor abgewiesen, wenn ihre Passierscheine abgelaufen waren. Die Einwohnerzahl halbierte sich in den 1970er-Jahren von 300 auf rund 150 - eine Zeit, in der das Leben im Dorf besonders schwer erträglich war, so Meinhard Schmechel: "Es durfte keiner nach Rüterberg rein, die ersten Jahre nicht mal auf Passierschein. Wir hatten auch kaum Verbindung zum DDR-Hinterland. Die durften uns auch nicht besuchen." Weder zu seiner Hochzeit noch zur Beerdigung des Schwiegervaters durften seine Eltern und die Schwester aus Usedom nach Rüterberg einreisen.