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Nie wieder Dresden
von Kathrin Otto
Mit Schrecken denkt Uwe Lieder noch heute an seinen Einsatz als Reservist bei Demonstrationen im Oktober in Dresden zurück.
Wenn Uwe Lieder heute an den 4. Oktober 1989 in Dresden denkt, laufen ihm noch immer kalte Schauer über den Rücken. Als Reservist war der gebürtige Mecklenburger dort im Dienst der Volkspolizei-Bereitschaft, einer militärischen Formation in der DDR, die zu den "Kasernierten Einheiten des Ministeriums des Innern" gehörte. Dass er als Norddeutscher so weit im Süden eingesetzt werden würde, damit hatte Lieder nicht gerechnet. Auch hatte er nicht gedacht, dass er als Reservist so hart "rangenommen" werden würde. "Eigentlich hieß Reservistendienst: drei Monate Füße hochlegen und warten, bis die Zeit um ist", erzählt der 50-Jährige.
Bei Uwe Lieder kam es anders: Kurz vor seinem 30. Geburtstag erreichte ihn der Einberufungsbefehl. Mit seiner damaligen Frau lebte er in Pritzier bei Hagenow, wo er bei der Milchviehanlage arbeitete - seinen Job beim Militärforstbetrieb hatte er wegen der Westkontakte seiner Frau aufgeben müssen. Nach dem 18-monatigen Grundwehrdienst von 1978 bis 1980 wusste Lieder, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann er als Reservist eingezogen würde. Nun also ging es zurück in die Kaserne.
Der Einsatz als Reservist
Statt wie zum Grundwehrdienst nach Schwerin, wurde Lieder diesmal nach Halle eingezogen, etwa 350 Kilometer von der Heimat entfernt. Die Reservisten erhielten eine vertiefte Ausbildung im Schießen und für den sogenannten Nahkampf. Für zwei Wochen wurde die 200-köpfige Truppe in ein Feldlager bei Berlin verlegt, wo die Ausbildung noch einmal verschärft wurde. Lieder spricht von einem Drillcamp: viel Sport, wenig Essen und kein Kontakt zur Außenwelt. In 14 Tagen nahm der junge Mann zehn Kilo ab, bevor es nach Halle zum tristen Kasernenleben zurückging - bis zum 4. Oktober.
Der Tag neigte sich dem Ende, und Lieder freute sich auf einen ruhigen Abend. Doch wieder kam es anders, eine Glocke ertönte: Gefechtsalarm. Die 200 Mann starke Reserveeinheit brach im Konvoi in die Dunkelheit auf - ohne ihr Ziel zu kennen. Nur die Fahrer der LKW, zu denen Lieder gehörte, bekamen über Funk mit, dass es nach Dresden ging. Dort gab es offenbar einen Aufstand am Hauptbahnhof. Die Hintergründe waren dem Reservisten in der Kaserne verborgen geblieben: Am 4. Oktober waren von Prag aus Sonderzüge mit etwa 7.600 DDR-Flüchtlingen gestartet. Die hatten zum Teil wochenlang auf dem Gelände der Botschaft der Bundesrepublik ausgeharrt und durften nun über Dresden in den Westen Deutschlands ausreisen. Entlang der Bahnstrecke versuchten Hunderte DDR-Bürger, auf die Züge aufzuspringen. In Dresden waren rund 10.000 Menschen drauf und dran, den Bahnhof zu stürmen, um die Waggons zu erreichen.
Die gewaltsamen Auseinandersetzungen
Bei den Massendemonstrationen am Dresdner Hauptbahnhof wurden viele Menschen verletzt und zahlreiche festgenommen.
Die Gewalt in der Stadt war eskaliert, die Volkspolizei überfordert. Darum hatte SED-Bezirkschef Hans Modrow auf einer Krisensitzung die Erlaubnis eingeholt, Militäreinheiten einsetzen zu dürfen. Schon einen Tag zuvor, am 3. Oktober, hatte es in Dresden Proteste gegeben: Mehr als 2.000 Menschen wollten wie die Botschaftsflüchtlinge über die Tschechoslowakei ausreisen, doch von einem Tag auf den anderen hatte die DDR die Grenzen zum Nachbarland geschlossen. Allein am Dresdner Bahnhof waren etwa 800 Ausreisewillige aus Zügen nach Prag geholt worden. Sie besetzten Gleise und Bahnsteige, wurden gewaltsam von der Volkspolizei vertrieben und setzten ihren Streik in der Innenstadt fort. Dadurch war die Stimmung am 4. Oktober bereits aufgeheizt.
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Die DDR-Flüchtlinge waren froh, als sich die Sonderzüge von Prag aus in Richtung Bundesrepublik in Bewegung setzten. Uwe Lieder bescherten sie einige turbulente Tage.
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Von diesen Ereignissen ahnten die Reservisten nichts, als sie am späten Abend Dresden erreichten. Die Truppe fuhr direkt zum Hauptbahnhof, dem Brennpunkt der heftigen Auseinandersetzungen. Lieder erinnert sich: "Überall waren Menschenmassen, Fahrzeuge und LKW der Polizei. Ein Polizeiauto lag da umgestürzt und brannte. Der Bahnhofsvorplatz war mit Bergen rausgerissener Pflastersteine übersät." Seine Truppe sollte "für Ordnung sorgen". Lieder und seine Genossen teilten sich auf, bildeten Ketten und versuchten mit Schildern, die Massen zurückzudrängen. "Es war dunkel, neblig und ein Riesenchaos", erklärt der 50-Jährige. "Da hast du nicht mehr nachgedacht, du hast nur noch funktioniert."