Grenzbrigade Küste: Zwischen Beklemmung und Routine
von Irene Altenmüller
Lars Voland leistete 1989 seinen Wehrdienst bei der Grenzbrigade in Kühlungsborn ab
"Herzlichen Glückwunsch, Sie sind tauglich! Sie dürfen den Dienst für die Deutsche Demokratische Republik antreten!" Mit diesen Worten machte der zuständige Arzt des Wehrkreiskommandos Freiberg im Mai 1989 Lars Volands Pläne für die nähere Zukunft auf einen Schlag zunichte. Eigentlich war der Abiturient bereits Monate zuvor wegen Problemen mit der Haut ausgemustert worden, hatte für den Herbst 1989 einen Praktikumsplatz bei einer Zeitung und für 1990 einen Studienplatz für Philosophie in Berlin. "Der Arzt hatte mich nicht mal angeschaut. Das war auch kein Facharzt, sondern ein Zahnarzt", erinnert sich Lars Voland, der heute in München lebt.
Nach anfänglichem Protest sah der Schüler bald ein, dass es keinen Zweck hatte, aufzubegehren. Er erklärte sich bereit, den 18-monatigen Wehrdienst abzuleisten - nicht ausreichend für das Wehrkreiskommando: Dort machte man ihm unmissverständlich klar, dass er sich für drei Jahre verpflichten müsse, falls er danach studieren wolle. Ansonsten habe man zufällig in den nächsten Jahren keinen Platz für ihn frei - und er wisse doch, dass die NVA ihn die nächsten Jahre jederzeit einberufen könne? Ohne eine Bescheinigung über den abgeleisteten Wehrdienst oder eine Rückstellung konnte der junge Mann im Arbeiter- und Bauernstaat kein Studium beginnen. Er unterschrieb.
Triste Tage bei der Grenzbrigade
Anfang September begann die Grundausbildung in Stralsund. Danach sollte der schmale junge Mann im Stab der Marine als Kurierfahrer in Rostock dienen. Am 29. September brachte man ihn stattdessen nach Kühlungsborn. Dort musste er das Mützenband wechseln. Statt zur "Volksmarine" gehörte er jetzt zur "Grenzbrigade Küste".
Für den Jungsoldaten brach eine bedrückende Zeit an. Die grauen, unsanierten Kasernengebäude, das regnerische Herbstwetter, alles wirkte trist. Von den Ereignissen in der DDR, deren Grenzen er jetzt offiziell verteidigen sollte, bekam er fast nichts mit. Im Fernsehen durften die Soldaten nur die DDR-Nachrichten schauen. Private Radios waren erlaubt, aber durch Markierungen an der Skala wurde überprüft, ob auch nur DDR-Sender eingestellt waren. Private Post wurde ebenfalls kontrolliert: "Briefe kamen später an als Postkarten, obwohl sie früher abgeschickt wurden. Warum das so lange dauerte, konnte man sich schon denken. Da gab es diesen Oberleutnant - niemand wusste genau, was der machte. Aber mit dem wollte man lieber nichts zu tun haben."
"Ich war nur froh, dass ich da nicht stehen muss"
Der NVA-Wehrdienstausweis des damals 18-Jährigen - Dokument einer untergangenen Institution.
Am 6. Oktober hatte Lars Voland erstmals Urlaub und fuhr von der Küste zu seinen Eltern nach Freiberg bei Dresden. Wegen des 40. DDR-Jubiläums durfte er nicht über Berlin fahren. In der Hauptstadt herrschten höchste Sicherheitsvorkehrungen, die Stadt war im Ausnahmezustand. Als er am Dresdner Bahnhof ankam, war sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Der Bahnhof war menschenleer, obwohl es noch früh am Freitagabend war. Die Scheiben des Bahnhofsgebäudes waren zerschlagen. Am Bahnsteig gegenüber wartete bereits der Zug nach Freiberg, an den Türen stand Polizei. Verschüchtert stieg der 18-Jährige um. Kurz darauf kamen drei Studenten in sein Abteil. Sie erzählten ihm, dass der gesamte Bahnhof mit Polizeiketten abgeriegelt sei. Draußen stünden hunderte Menschen mit Transparenten und Kerzen und riefen: "Keine Gewalt, keine Gewalt!" Einer der Studenten hatte einen jungen Mann aus der Polizeikette angesprochen. Der habe ihm erklärt, er sei eigentlich Wehrdienstleistender. Man habe ihn und andere Wehrpflichtige in Polizeiuniformen gesteckt, um den Bahnhof zu sichern. "Da war ich nur froh, dass nicht ich da stehen muss. Und hab mich noch kleiner gemacht in meinem Sitz und gehofft, dass der Zug endlich losfährt."