Wendepunkte

Was geschah sonst noch am 18. Oktober?

SED-Generalsekretär Erich Honecker tritt von sämtlichen Ämtern zurück. Sein Nachfolger wird Egon Krenz. In seiner Antrittsrede kündigt er eine politische "Wende" an und verspricht "einen Gesetzentwurf über Reisen von DDR-Bürgern ins Ausland“.

Überall im Land lehnen sich Bürger gegen das Regime auf. In Stralsund bildet sich die erste SDP-Gruppe in den Nordbezirken. 5.000 Bürger nehmen dort an einem Schweigemarsch teil und fordern auf Transparenten Reformen, Meinungsfreiheit und Reisefreiheit. In Greifswald ziehen 800 Menschen nach dem Friedensgebet mit Kerzen durch die Stadt. In Proseken versammeln sich 2.000 Menschen zu einer oppositionellen Veranstaltung in der Dorfkirche. In Neubrandenburg gehen bis zu 10.000 Menschen auf die Straße und fordern Reformen.

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"Ein Gegenüber, das die SED ernst nehmen muss"

Paul Ferdi Lange, Pfarrer und Bürgerrechtler aus Stralsund © NDR Online / Sabine Koppe Fotograf: Sabine Koppe Detailansicht des Bildes Pfarrer Paul Ferdi Lange gründete zusammen mit anderen Bürgerrechtlern die Stralsunder Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei. Am 18. Oktober trat Erich Honecker offiziell von seinen Ämtern als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des nationalen Verteidigungsrats der DDR zurück - "aus gesundheitlichen Gründen",  wie es offiziell hieß. Zu seinem Nachfolger bestimmte das SED-Politbüro Egon Krenz. Am selben Tag gründeten in Stralsund der Pastor der Nikolaikirche, Paul Ferdi Lange, und andere Oppositionelle einen Ortsverband der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP). Im Interview mit NDR.de erinnert er sich an diesen Tag.

NDR Online: Am 18. Oktober 1989 gründeten Sie gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern die Stralsunder Ortsgruppe der SDP. Wie war das damals?

Paul Ferdi Lange: Eine Kollegin von mir, Ursula Kaden, war einige Wochen zuvor in Schwante bei der SDP-Gründung dabei gewesen. Dort hatten wir unsere Adressen hinterlassen. Daraufhin haben sich bei uns rund 50 Leute namentlich gemeldet. Die haben wir dann zu einem späteren Termin eingeladen. Von den 50 Menschen sind dann etwa 20 dabei geblieben. Die Gründung fand abends in Räumen der Jakobikirche statt. St. Jakobi selbst war damals eine Ruine. Im Turm aber gab es Jugendräume und kleine Versammlungsräume. Die Kirche hat diese Räume den unterschiedlichen Gruppierungen zur Verfügung gestellt. Dort wurden auch die Ortsgruppen des Neuen Forums und von Demokratie Jetzt gegründet.

NDR Online: Es gab ja bereits oppositionelle Gruppierungen. Was motivierte Sie, zusätzlich eine Sozialdemokratische Partei zu gründen?

Lange: Wir waren der Meinung, dass nur eine Partei die Möglichkeit hat, gegen das Monopol der SED anzugehen. Eine Bewegung ist immer unorganisiert und hat oft viele Ränder. Eine Partei ist ein Gegenüber, das die SED, so meinten wir, eines Tages wird ernst nehmen müssen.

NDR Online: Welche Ziele verfolgten Sie und Ihre Mitstreiter?

Lange: Zunächst sind wir davon ausgegangen, dass wir die DDR reformieren können. Wir wollten wesentliche Probleme, die die Bevölkerung schwer belasteten, wie etwa die fehlende Reisefreiheit, im Gegenüber mit der SED und ihren Vertretern lösen. Die Wiedervereinigung war dagegen erst einmal kein Thema. Es gab eher die Vorstellung eines vernünftigen Miteinanders beider deutscher Staaten bis hin zu einer Konföderation. Keiner konnte sich damals, als wir uns gründeten, vorstellen, dass die Vereinigung nach einem Jahr faktisch vollzogen wäre.

NDR Online: Was waren das für Leute, die sich an diesem Abend versammelten?

Lange: Das waren einerseits Neugierige, andererseits Leute, die bereits konkretere Vorstellungen hatten, zum Teil kamen sie auch unserer Namen wegen, weil sie mich und andere von den Friedensgebeten in der Nikolaikirche her kannten.

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