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Der Tag X: Die perfiden Pläne des MfS
NDR Online: Gibt es Informationen darüber, was mit den Internierten weiter passieren sollte? Gab es hierzu bereits Pläne?
Mothes: Die gab es meines Wissens nicht, weil dies wohl aus der Situation heraus entschieden worden wäre. Es gab jedoch detaillierte Pläne zur Logistik - also wie die Versorgung, wie die Unterbringung zu gewährleisten ist, wie Frauen und Männer zu sortieren sind. All dies war geregelt. Und, was ich besonders perfide finde: Bei allen zu internierenden Personen - beispielsweise 400 Leute in einem Fußballstadion - hat man schon im Vorfeld Inoffizielle Mitarbeiter platziert, man hat sozusagen Scheininternierte auf die Internierten angesetzt. Das waren Leute, von denen die Internierten wussten, dass sie ebenfalls zur Opposition gehören, sodass sie es logisch gefunden hätten, dass diese mit ihnen interniert worden wären. Sie hätten dann im Auftrag der Stasi unter den Internierten gespitzelt. Das Ganze war wirklich vollendet organisiert.
NDR Online: Sie waren selbst aktiv in der DDR-Bürgerbewegung, waren in Jena an der Gründung des Neuen Forums beteiligt. Standen Sie auch auf diesen Internierungslisten?
Mothes: Meines Wissens ja. Allerdings sind ja nicht mehr alle Karteien erhalten. Im Norden, speziell in Neubrandenburg, kann man noch alle Personen eins zu eins nachvollziehen, andernorts ist das nicht mehr möglich. Ich weiß nur, dass bei den Gruppen, die für die Internierung vorgesehen waren, natürlich die Sprecher des Neuen Forums und die Personen, die innerhalb der Bürgerbewegung für bestimmte Themen standen, dazu gehörten.
NDR Online: Sie waren bis wenige Wochen vor der Grenzöffnung noch in Nicaragua und kamen dann zurück.
Mothes: Ich gehörte zu einem entwicklungspolitischen Kreis in Jena und war im Sommer 1989 für zwei Monate in Nicaragua. Zur Gründung des Neuen Forums war ich aber wieder in der DDR. Ich habe zu dieser Zeit an zwei Orten in der DDR gelebt, in Schwerin und in Jena. In Jena gehörte ich zu einer Bürgergruppe, die an eine Kirchengemeinde angebunden war und das Neue Forum in Thüringen mit aufgebaut hat. Parallel dazu war ich in Schwerin aktiv, mehr aber in Jena. Unsere Themen waren: Wie kann man Reformen in der DDR erreichen, wie verhindern, das die Leute alle weglaufen? Wir haben darüber diskutiert, wie die DDR zu verbessern sei. Ich gebe heute ganz offen zu: Ich gehörte nicht zu denjenigen, die den sofortigen Umsturz und das Ende der DDR forderten. Ende November bin ich von der evangelischen Kirche in Thüringen gebeten worden, im Bürgerkomitee zur Stasiauflösung mitzuarbeiten.
Ende des Jahres 1989 hatte ich das Angebot, für drei Jahre nach Mittelamerika zu gehen, was für mich ein lang ersehntes Ziel war, weil ich die DDR gern verlassen hätte und dort eine interessante Aufgabe übernommen hätte. Aber das habe ich dann abgesagt, weil ich mir sagte: Jetzt passiert hier in Deutschland so viel, da muss und möchte ich dabei sein. Ich wollte nicht nach drei Jahren wiederkommen, und die Welt ist eine andere.
Der DDR-Bürgerrechtler Jörn Mothes war während der Umbruchsphase 1989/90 im Neuen Forum und im Bürgerkomitee zur Auflösung der Stasi in Jena und Gera aktiv. Er saß für die Opposition am Runden Tisch der Volkskammer und arbeitete das Nationalparkprogramm der DDR mit aus. 1990 wurde er Leiter des Müritz-Nationalparks. Von 1998 bis 2008 war er Landesbeauftragter für die Stasiunterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, nachdem er bereits seit 1993 den Stellvertreter-Posten innegehabt hatte. Seit September 2008 ist er als Referatsleiter im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur tätig.
Das Gespräch führte Irene Altenmüller, NDR Online.