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Hirsche fürs Politbüro
von Moira Lenz
Leidenschaft der Genossen war die Jagd. Vom Revierförster erwarteten sie genaue Angaben, wo sich die gewaltigsten Hirsche aufhielten.
Am späten Nachmittag kamen sie an, die Genossen Erich Honecker, Günter Mittag und Erich Mielke. Sie kleideten sich sofort in ihre Jagdgewänder und zogen in den Wald auf die Hochsitze - immer dabei ein Fahrer und ein Personenschützer. "Mir wurde grundsätzlich Wirtschaftschef Mittag zugeteilt", erinnert sich der damalige Revierförster, Georg Lenuweit, im Interview mit NDR.de . Über das Jahr war es seine Aufgabe, die gewaltigsten Hirsche ausfindig zu machen - zu "bestätigen", wie es in der Jägersprache heißt. Im Herbst kamen dann die Herren vom Politbüro vorbei, um zu jagen - aber sie durften nicht einfach drauflos schießen. Sogar für die Politprominenz galten bei der Jagd ein paar Regeln, erklärt der ehemalige Revierförster: "Reduktionsabschuss bedeutet, den Gesamtwildbestand nicht ins unermessliche wachsen zulassen", so Lenuweit. "Wenn der Zielbestand erreicht ist, entspricht die Zahl der neugeborenen Kälber der Zahl des jährlichen Abschusses."
Interview
Einmal im Jahr kamen Honecker, Mittag und Mielke zur Jagd nach Drewitz. Georg Lenuweit ezählt von den Jagdritualen und der Zeit nach der Wende. mehr
Nach ein paar Abschüssen ging es zum Abendessen ins Jagdhaus - doch das Jagdfieber der Parteielite war noch nicht gestillt. "Hirsche sind Gewohnheitstiere. In der Brunftzeit kommen sie abends auf ihre Wiese", erklärt der Revierförster. Also ging die Jagd am späten Abend weiter: "Etwa um 22 Uhr brachen Honecker und Mittag wieder auf - zur Scheinwerferjagd", so Lenuweit. "Mielke machte da nicht mit. Aber die anderen schossen, was vor die Flinte kam, obwohl diese Jagdart in der DDR verboten war." Doch bei dieser Jagdregel beanspruchte der Kader eine Ausnahme für sich.
Auf der Jagd mit dem Politbüro
Das Jagdhaus Drewitz war ein Geburtstagsgeschenk vom Stasi-Chef Erich Mielke an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.
Dass die Jagd einen feudalherrschaftlichen Beigeschmack hat, störte die SED-Oberen nicht: Gerade der Parteivorsitzende Erich Honecker ging begeistert Rotwild jagen, unter anderem in der Nossentiner Heide in Mecklenburg-Vorpommern. Hier residierte er mindestens einmal im Jahr in seinem Jagdhaus Drewitz. Der Sitz sowie das riesige Waldgebiet um Drewitz war ein Geschenk von Stasi-Chef Erich Mielke an den Staatsratsvorsitzenden Honecker - zum 70. Geburtstag, 1982.
Heute noch steht das Haupthaus, seit 1998 ein Hotel. Allerdings ging die "Jagd- und Naturparkresidenz Drewitz" vor kurzem an eine Insolvenzverwaltung über, noch ist unklar, ob das Hotel weiter betrieben wird. Insgesamt waren in der DDR rund 700.000 Hektar, etwa acht Prozent der Jagdfläche, für Partei- und Staatsmänner, die Nationale Volksarmee (NVA) und die Rote Armee reserviert. Das Gros der Staatsjagdgebiete lag in Mecklenburg-Vorpommern nahe der Müritz und in Brandenburg.