Wendepunkte

Was geschah sonst noch am 27. September?

+++DDR-Verteidigungsminister Keßler bringt die Nationale Volksarmee für die Zeit vom 6. bis zum 9. Oktober für einen Einsatz in Berlin in Stellung.+++Die Initiative Frieden und Menschenrechte fordert in einem Brief an das SED-Politbüro, den "versuchten illegalen Grenzübertritt" nicht weiter unter Strafe zu stellen. Es sei unverständlich, dass die DDR den Ausreisewilligen in den bundesdeutschen Vertretungen Straffreiheit zusichere, andere Flüchtlinge aber weiterhin verfolge.

Das polnische Außenministerium erklärt, dass für die rund 400 Ausreisewilligen in der bundesdeutschen Botschaft in Warschau eine Lösung in Sicht sei. Die Tschechoslowakei erklärt dagegen, dass es für die ca. 1.400 Botschaftsflüchtlinge in Prag keine ungarische Lösung geben werde. 26.500 DDR-Bürger sind zu diesem Zeitpunkt bereits über Ungarn in den Westen geflohen.

In Mecklenburg formiert sich an immer mehr Orten eine aktive Opposition. Die Verbände Bildender Künstler in Rostock und Schwerin rufen die DDR-Führung zum "offenen politischen Dialog" auf. In Bülow treffen sich Regimekritiker im Haus des Kunstwissenschaftlers Ulrich Rudolph. In Hagenow gründen Oppositionelle die Gruppe "Freunde des Neuen Forums".

Glossar
Waldemar Cierpinski. © Picture Alliance/dpa
 

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Tränengas gegen Fußballfans

von Matthias Heidrich

Das Titelblatt des Programmhefts zur Europapokalpartie TJ Banik Ostrava gegen Hansa Rostock am 27. September 1989. © NDR Detailansicht des Bildes Die Europapokalpartie TJ Banik Ostrava gegen Hansa Rostock endete 4:0 für Ostrava. Ein Sonderzug in die Tschechoslowakei, was sollte da schon schiefgehen? Selbst in diesen politisch unruhigen Zeiten. Axel Klingbeil und seine Freunde waren sich im September 1989 sicher, so am ehesten ohne größere Probleme zum Europapokal-Rückspiel ihres Fußballclubs Hansa Rostock beim tschechischen Club TJ Baník Ostrava zu kommen. Immerhin war die Fan-Fahrt vom Reisebüro "Jugendtourist" der Freien Deutschen Jugend (FDJ) organisiert. Und Ostrava lag ja mitten in der Tschechoslowakei, in die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik normalerweise ohne Probleme reisen durften. Weit weg also von der Hauptstadt Prag, wo sich in der bundesdeutschen Botschaft mittlerweile gut tausend DDR-Flüchtlinge aufhielten und auf ihre Ausreise nach Westdeutschland drängten. "Am Ende haben wir uns falsch entschieden", sagt Klingbeil rückblickend und muss dabei sogar etwas schmunzeln. Dabei waren die Ereignisse an jenem 27. September 1989 für die Beteiligten keineswegs zum Lachen.

20 Jahre ohne Europapokalteilnahme

Klingbeil, damals Hansa-Anhänger und heute Fanbeauftragter des Vereins, berichtet von ausgelassener Stimmung am Abend des 26. September, als circa 400 Fußballfans den Sonderzug in Richtung Ostrava bestiegen. Darunter auch viele ältere Hansa-Anhänger, die nach 20 Jahren ohne Europapokalteilnahme ihres Clubs endlich wieder "internationale" Fußballluft schnuppern wollten. Es galt, das Rostocker Team zu unterstützen, das das Hinspiel zwei Wochen zuvor im eigenen Stadion nach 2:0-Führung noch mit 2:3 verloren hatte. Die Fahrt ging über Nacht zunächst bis Dresden. "Dort haben wir etwas aufgeräumt und die Leute eingewiesen, wie sie sich verhalten sollen. Uns war ja bekannt, dass wir unter besonderer Beobachtung stehen und besonders gemaßregelt werden, wenn wir uns in der ČSSR daneben benehmen", erinnert sich Klingbeil in dem Film "'Auf die Straße' oder nach Ostrava", in dem Schüler vom Ostsee Gymnasium Rostock im Jahr 2008 die Geschehnisse aufgearbeitet haben.

Rund 5.000 DDR-Bürger auf dem Weg nach Ostrava

Derweil veröffentlichten verschiedene Nachrichtenagenturen bereits erste Meldungen, wonach in der Prager Botschaft nach den Europapokalspielen mit einem weiteren Ansturm von Flüchtlingen gerechnet werde. Neben der Partie Ostrava gegen Rostock, für die rund 5.000 DDR-Bürger Karten erworben hatten, gastierten noch der spanische Spitzenverein FC Barcelona in Polen bei Legia Warschau und der Bundesligist 1. FC Köln beim tschechoslowakischen Club Plastika Nitra. Es war nichts Ungewöhnliches, dass viele Fußballfans aus der DDR Gastspiele westlicher Vereine im Ostblock besuchten. Angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme aus der DDR über Ungarn und die ČSSR im Herbst 1989 bekam die Reisewelle der Schlachtenbummler allerdings ein ganz anderes Gewicht.

Polizisten mit Knüppeln, Maschinenpistolen und Hunden

Die Fahrt der Hansa-Fans verlief zunächst reibungslos. Auch an der tschechoslowakischen Grenze gab es keine Probleme. "Das war eine kleine Erleichterung für uns. Es war ja zu befürchten, dass die Grenze gesperrt wird wegen der Vorgänge in der Prager Botschaft", so Klingbeil. In Ostrava angekommen, entwickelte sich die Auswärtsfahrt allerdings zu einem Albtraum für die Fußball-Anhänger. "Ich war im ersten Waggon und hatte noch die Möglichkeit auszusteigen, wurde aber sofort zurückgeschickt", erinnert sich Klingbeil. Polizisten mit Knüppeln, Maschinenpistolen und Hunden umstellten den Zug und hinderten die Fans am Aussteigen. Die Fenster durften auch nicht mehr geöffnet werden. Manche Fans wehrten sich, woraufhin die Sicherheitskräfte Tränengas in den Zug schossen.

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Die Hansa-Fans bekamen ihre 150 Mark für die Reise nach Ostrava zurück.

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