Propagandalieder und Grabgesänge - Aufstieg und Fall der FDJ
von Siv Stippekohl
"Wir standen oben und haben geheult, und die saßen unten und haben geheult", erinnern sich die Schauspieler Ingrid Michalk und Ekkehard Hahn an jenen denkwürdigen Liederabend im Mecklenburgischen Staatstheater am 4. November 1989. Fünf Tage vor dem Mauerfall singen neun Schauspieler FDJ-Lieder aus fast versunkenen Tagen. Es ist ein Abschied von den Idealen ihrer Jugend - Ideale, die über 40 Jahre zuvor am selben Ort verkündet wurden.
Der große Meilenstein Schwerin
Er beginnt mit der Ouvertüre aus Ludwig van Beethovens "Egmont", der Festakt zur Gründung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Mecklenburg. Das Schweriner Staatstheater ist an diesem Sonntag, den 10. März 1946, restlos überfüllt. "Jungen und Mädchen von Schwerin, seid euch der Größe der Stunde bewusst, Schwerin ist der große Meilenstein in der Geschichte der Freien Deutschen Jugend!", erklärt Edith Baumann, die damalige Stellvertreterin und spätere Ehefrau Erich Honeckers, in ihrer Festrede: "Und wenn einmal die Geschichte der deutschen Jugendbewegung nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes geschrieben werden soll, dann wird es heißen, dass der immer als so reaktionär bezeichnete Bezirk Mecklenburg-Vorpommern es war, der in seiner Landeshauptstadt den ersten Meilenstein der Freien Deutschen Jugend gelegt hat."
"Überparteilich, einig und demokratisch"
Gruppen mit dem Namen "Freie Deutsche Jugend" gibt es bereits während des Zweiten Weltkriegs. Sie werden von deutschen Flüchtlingen im Exil gegründet. Bereits wenige Wochen nach Kriegsende genehmigt die sowjetische Militäradministration die Bildung von "antifaschistischen Jugendkomitees". Zugleich verbietet sie jedoch die Gründung anderer Jugendorganisationen. Am 7. März 1946 wird die FDJ formell gegründet und Erich Honecker zu ihrem Ersten Vorsitzenden ernannt. "Überparteilich, einig und demokratisch" soll die neue Jugendbewegung sein.
Doch mit der Überparteilichkeit der FDJ ist es bald vorbei. Bereits auf dem III. Parlament der Jugendfreunde 1949 bezeichnet der Verband sich als aktiver Helfer der politisch fortschrittlichen Kräfte. 1952 erkennt die FDJ in ihrem Statut die führende Rolle der SED an. 1957 ist sie endgültig auf ihre Rolle festgelegt als "zuverlässiger Helfer und Kampfreserve der Partei der Arbeiterklasse".
"Weg der alte, her der neue Staat!"
Von der Pionierorganisation über Schule und Studium - an der FDJ kommt in der DDR kaum ein Jugendlicher vorbei. Formal ist die Mitgliedschaft im einzigen zugelassenen Jugendverband zwar freiwillig, doch in Wirklichkeit hat mit Benachteiligungen zu rechnen, wer die Mitgliedschaft verweigert. In der Bundesrepublik wird die FDJ 1951 verboten. In der DDR hat die FDJ zu Beginn erhebliche Mühe, Mitglieder zu gewinnen. Das ändert sich im Laufe der Jahre, christliche Schüler werden beispielsweise Anfang der Fünfzigerjahre an den Schulen unter Druck gesetzt. Sind 1947 nur 16 Prozent aller Jugendlichen in dem Jugendverband organisiert, sind es 1989 bereits 88 Prozent.
Ein wesentlicher Bestandteil der FDJ ist der Gesang. Bereits 1946 erscheint das erste Liederbuch mit "Massenliedern für die Jugend", die die jungen Leute auf die Ideale des Sozialismus einschwören sollen. "Weg der alte, her der neue Staat! Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut! Um uns selber müssen wir uns selber kümmern und heraus gegen uns, wer sich traut", heißt es etwa im Aufbaulied der FDJ, 1948 komponiert von Paul Dessau, getextet von Bertolt Brecht. Von Brecht stammt auch der Text des Solidaritätslieds, das mit den Zeilen beginnt: "Vorwärts, und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht, beim Hungern und beim Essen, vorwärts und nicht vergessen die Solidarität!"