Wendepunkte

Was geschah sonst noch am 16. August?

+++Die DDR-Führung protestiert in schärfster Form gegen die Aufnahme von Botschaftsflüchtlingen in Budapest und gegen die Ausstellung westdeutscher Pässe an DDR-Bürger. Sie fordert dazu auf, die Unterstützung der DDR-Flüchtlinge ab sofort zu beenden.+++In Budapest gehen die Gespräche zwischen Jürgen Sudhoff, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, und der ungarischen Regierung unter strengstem Stillschweigen weiter.+++In der Prager Botschaft steigt die Zahl der Flüchtlinge auf 40.

Glossar
Strandszene in Warnemünde (DDR), im Hintergrund der alte Leuchtturm. © picture-alliance/ dpa Fotograf: Günter Bratke
 

Urlaub

Die Möglichkeiten, privat Urlaub zu machen, waren begrenzt. mehr


Links

Der Historiker aus Berlin forscht über die DDR-Kreuzfahrtschiffe.

Link in neuem Fenster öffnen
 

Please upgrade your Flash player.

Auf der Sonnenseite der DDR: Ein Kapitän erzählt

von Viktoria Urmersbach

Am 16. August 1989 lief das Kreuzfahrtschiff der DDR, die "MS Arkona", von Rostock-Warnemünde aus zu einem Ostseetörn. Zwölf Tage an Bord, auf die die meisten Passagiere lange gewartet hatten: Schiffsführungen, Musikkonzerte, Shopping in der exklusiven Schiffsboutique und Sport standen auf dem Programm. Der Höhepunkt der Reise war ein Tag in Helsinki. Berühmt und begehrt waren auch die luxuriösen Buffets und die Bewirtung durch Starköche und Kellner, die in DDR-Interhotels ausgebildet wurden. Fast 900 Menschen inklusive Besatzung schipperten mit gemächlichen 17 Knoten Kreuzfahrtgeschwindigkeit bis ins Baltische Meer.

 

Bildergalerien
Die MS Arkona im Hafen 1986. © picture alliance / dpa Fotograf: Frank Kleefeldt
 
Bildergalerie

Eine Reise mit dem weißen Luxusschiff war für viele DDR-Bürger ein Traum - und für die meisten unerreichbar. Zur Jungfernfahrt im Dienste der DDR war ein Fotograf an Bord und dokumentierte die Urlaubsfreuden auf dem FDGB-Dampfer.

Bildergalerie starten

"I've Been Looking For Freedom …"

Am Tag nach dem Auslaufen feierte man traditionell den großen Willkommensabend: Kapitän Peter-Arndt Böttcher begrüßte die Gäste persönlich und ließ sich mit jedem fotografieren, es gab ein Gala-Diner und eine riesige Torte mit Wunderkerzen. Das Wetter war prächtig, die Stimmung fast noch besser. 1989 lief der Hit "I've Been Looking For Freedom" den ganzen Sommer lang auf dem Kreuzfahrtschiff - fast, als hätte David Hasselhoff ihn für die Ostdeutschen gesungen. "Die waren jung und wollten die ganze Nacht durchfeiern", erinnert sich Böttcher. Seit 1986 stand das Schiff unter seinem Kommando. Damit war er auch der Repräsentant der DDR-Obrigkeit an Bord. Denn mit dem Schiff verlagerten sich auch die Außengrenzen der DDR ins Ausland - zu DDR-Zeiten immer schon ein Staatsakt, der vom Ministerium für Staatssicherheit kontrolliert wurde.

Ein Schiff mit Ohren

Gala-Dinner mit Kapitän: Arndt-Peter Böttcher in der Mitte. © Arndt-Peter Böttcher Gala-Dinner mit Kapitän: Arndt-Peter Böttcher (Mitte) m it Passagieren, . "Das Schiff hatte Ohren, und das wusste auch jeder", sagt Böttcher heute. Entsprechend waren die Personalentscheidungen der Reederei nicht nur fachlich, sondern auch politisch bedingt. Die Besatzungsmitglieder standen von Anfang an unter dem Verdacht, mit dem System nur allzu bereitwillig zu kooperieren. Nicht zu Unrecht, hat der Historiker Andreas Stirn herausgefunden. Neben etlichen Inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) wachten spezielle Polit- und Sicherheitsoffiziere darüber, dass auch an Bord die Grenzen der DDR eingehalten wurden. Das DDR-Überwachungssystem funktionierte hier fast noch besser als an Land. "Wenn ein Mitglied der Crew als Sicherheitsrisiko galt, musste es gehen. Und wer als Gast auffällig wurde, wurde von der Staatssicherheit für weitere Auslandsreisen gesperrt", weiß Stirn, der in den Akten der Birthler-Behörde über das Schiff und seine Besatzung forschte.

Das trübte die Urlaubsstimmung aber kaum, denn die glücklichen Kreuzfahrer waren meist "verdiente Parteiarbeiter", also DDR-Vorzeigebürger, die nie an Republikflucht gedacht hätten. Oft wurden sie als "Bonzen" verhöhnt. Nur wer von seinem Betrieb vorgeschlagen wurde, durfte die kleine Freiheit einer Schiffsreise erleben, eintägiger Ausflug nach Finnland inklusive. 

Legendär war die Bar an Bord: Die "Warnow-Bar" auf See lockte die Urlauber mit einer exotischen Cocktailkarte und gefühlvoller Barmusik. Die knapp hundert Plätze waren jeden Abend besetzt. Dort fieberte und feierte man dem Gipfel der Reise entgegen: Landgang in Helsinki. Für die meisten Passagiere der erste Westurlaub überhaupt. Und manche nutzten diese Gelegenheit zur Flucht.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/geschichte/grenzenlos/bleiben/boettcher100.html
Weitere Informationen
Mustin © Bundespolizei Ratzeburg Fotograf: Sigurd Müller
 

Trabis, Tränen, Partystimmung

Nach dem 9. November 1989 überschlugen sich die Ereignisse. mehr

Weitere Informationen
Musikkapelle spielt vor dem ersten Auslaufen der MS Arkona, Rostock 1985 © http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en Fotograf: Jürgen Sindermann
 
Video

Kreuzfahrten für die Arbeiterklasse

Auf dem Luxusliner in die weite Welt - für verdiente DDR-Bürger. mehr


Sprungbrett in die Freiheit

Ehepaar Haerecke floh während einer Kreuzfahrt in den Westen. mehr

Weitere Informationen
Hotel Neptun in Warnemünde © NDR Fotograf: Nils Zurawski
 

Hotel Neptun - Stasi-Hotel am Ostseestrand

Die schwierige Geschichte eines touristischen Meilensteins der DDR. mehr

Videos
Stapellauf der MS Arkona 1980
 
Video

Hamburg historisch: Stapellauf der MS Astor

19.07.2000 | 19:30 Uhr
NDR Fernsehen

Als "MS Astor" lief das spätere Traumschiff der DDR 1980 in Hamburg vom Stapel.

Video starten (01:57 min)