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"Wir wollten endlich reisen"
von Kathrin Otto
"Für mich war das Schlimmste an der DDR, dass man eingeschlossen war," sagt Brigitte Bartel. Bis heute reist sie leidenschaftlich gern.
Brigitte und Peter Bartel sitzen in ihrer kleinen Mietwohnung in Wernigerode beim Mittagessen. Es ist ein grauer Herbst-Samstag, die 16-jährige Tochter Elke hat ihren Freund zu Besuch. Alle vier unterhalten sich unablässig über das Ereignis, das sich vor zwei Tagen in Berlin zugetragen hat: die Öffnung der Berliner Mauer durch einen Fehler von Günter Schabowski. Seit das Ehepaar Bartel die folgenreiche Pressekonferenz im Fernsehen verfolgte, gibt es bei ihnen kein anderes Thema mehr. Die beiden, die mit ihrer Tochter nur 16 Kilometer von der Grenze zu Niedersachsen entfernt leben, überlegen, ob nun alle Übergänge geöffnet werden.
Diese Frage ist es auch, die dem Ehepaar, Elke und ihrem Freund an diesem 11. November 1989 am Mittagstisch keine Ruhe lässt. Und dann kommt irgendjemand auf die Idee: Wir probieren es einfach aus! An den Abwasch ist nicht mehr zu denken, aufgeregt machen die Vier sich im Trabi der Bartels auf den Weg zum Sperrgebiet und dem Grenzübergang Stapelburg - mit gemischten Gefühlen. "Man wusste ja nicht, was einen erwartet. Werden wir verhaftet oder einfach nach Hause zurück geschickt?" erinnert sich Brigitte Bartel. "Aber es kam niemand, wir konnten einfach durchfahren."
Tumult am Grenzübergang
Am 14.11.1989 musste am Grenzübergang Stapelburg nicht mehr diskutiert werden, um in den Westen zu kommen.
Gegen 14 Uhr erreicht der Trabi den Schlagbaum mit vier Grenzern und ein paar wenigen DDR-Bürgern, die wohl die gleiche Idee hatten wie die Bartels. Gemeinsam reden sie auf die Grenzposten ein. "Die sollten endlich den Übergang öffnen, in Berlin hatte das doch auch geklappt. Warum sollten wir also mit der Grenze weiter leben", ereifert sich die damalige Erzieherin. Doch die Grenzer stehen nur stumm da, die Waffen im Arm. Trotz eisiger Kälte geben die Grenzgänger nicht auf und beharren - zunehmend ungeduldig - auf ihre Reisefreiheit. Immer mehr Menschen versammeln sich, schon bald, so schätzt Brigitte Bartel, sind es über hundert. "Irgendwann kamen Leute mit Werkzeugen. Die fingen an, eines der Mauerteile zu lösen und zu entfernen. Die Grenzer haben sie einfach machen lassen", Brigitte Bartel zeigt mit den Händen eine Breite von 60 Zentimetern. "Plötzlich gab es ein Loch in der Mauer und alles strömte durch diese kleine Öffnung."
Nach einigen hundert Metern stehen die Reisewilligen vor der Ecker, einem an dieser Stelle drei bis vier Meter breiten Fluss. Eine Brücke gibt es nicht, doch auf der Westseite stehen Passanten, die Bretter besorgen, um den DDR-Bürgern damit über das Wasser zu helfen. "Das war so aufregend. Als wir drüben ankamen, lagen sich alle in den Armen und heulten - ein unfassbarer Moment", Brigitte Bartel strahlt. Ihre Tochter und der Freund lernen junge Leute kennen, die zufällig aus einem Nachbarort kommen, in dem Elkes Freund Verwandte hat. Sie lassen sich dorthin mitnehmen und verabschieden sich von den Eltern, die in ein Gespräch mit einem älteren Paar aus Goslar vertieft sind. "Die beiden wollten alles wissen, was wir an der Grenze erlebt hatten und wo wir jetzt hin wollten. Als wir sagten, dass wir nach Bad Harzburg wollen, boten sie an, uns zu fahren", erzählt die Rentnerin.