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Ost-West-Schwof vor der Fischauktionshalle
von Petra Volquardsen, NDR 90,3
Begeistert über den Mauerfall: Bärbel Witt-Treichel und ihr Mann aus Hamburg.
Ein Wochenende im Freudentaumel: Tausende DDR-Bürger starteten am 11./12. November 1989 zu einer Spritztour nach "drüben", mit offenen Armen empfangen im Westen. Bärbel Witt-Treichel aus Hamburg-Farmsen und ihr Mann Gunter beschlossen am Sonnabend nach dem Mauerfall, der Trabi-Invasion entgegenzufahren, sie machten sich auf den Weg nach Lübeck. "Vor allem mein Mann war überglücklich, dass die Grenzen endlich offen sind. Weil seine Mutter aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, fühlte er sich dort immer hingezogen", erzählt sie. Häufig sei er von in Schleswig-Holstein aus im 'kleinen Grenzverkehr' für einen Tag im Osten gewesen.
Feierstimmung in der Lübecker Innenstadt
Angekommen in Lübeck, trauten die Treichels ihren Augen kaum: "Man kam gar nicht rein in die Innenstadt, wir mussten am Rande Lübecks parken." Auf dem Fußmarsch ins Zentrum bemerkten sie überrascht: "Die Autos, die uns aus dem Osten entgegenkamen, hatten hinter den Windschutzscheiben Geldscheine - oder Blumen, oder Schokolade. Alle hatten die Fensterscheiben runtergekurbelt, obwohl es kalt war." Die Treichels sahen, wie DDR-Bürger aus ihren Autos stiegen, um wildfremde Menschen zu umarmen: "Wir waren ungeheuer ergriffen." Schließlich standen sie auf dem Lübecker Marktplatz. Dort war es unheimlich voll, es herrschte ausgelassene Jahrmarktsstimmung - mit Johlen und Lachen und lauter Musik.
Per Lautsprecherdurchsage wurden die Lübecker aufgerufen, Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Viele DDR-Bürger waren weit angereist, von Greifswald, Schwedt oder Rügen, und hatten stundenlang am Grenzübergang im Stau gestanden, um die bunte Westwelt zu erleben. Die Treichels, die damals eine Ferienwohnung mit sechs Betten in Sierksdorf hatten, boten ihre Unterkunft spontan an. "Wir sind dann selbst erst mal zur Wohnung gefahren, um sie ein bisschen herzurichten. Wie waren lange nicht mehr da gewesen, mussten die Betten beziehen und 'klar Schiff' machen." Kurz nach 20 Uhr am Sonnabendabend klingelte das Telefon: Drei Erwachsene von der Insel Rügen suchten noch Schlafplätze. "Natürlich waren sie uns herzlich willkommen!"
Zusammensein wie mit Freunden
Spontan bot das Ehepaar DDR-Bürgern, die in Lübeck zu Besuch waren, ihre dortige Ferienwohnung als Unterkunft an.
Gunter Treichel ging an die Straße, um die unbekannten Gäste in Empfang zu nehmen und sie das letzte Stück bis zur Ferienwohnung zu leiten. Bärbel Witt-Treichel fiel in der Aufregung sogar die Tür von außen zu. Weil sie keinen Schlüssel dabei hatte, musste sie durchs Badezimmerfenster zurück in die Wohnung klettern. Als die Rüganer - eine Frau und zwei Männer - schließlich im Flur standen, war die Stimmung von Anfang an gut. "Es war so, als würden wir Freunde begrüßen", erinnert sich Bärbel Witt-Treichel. "Sie waren in unserem Alter und mir überhaupt nicht fremd." Zwei Körbe hatten die Gäste dabei - gefüllt nicht etwa mit Nachtzeug, sondern mit eingelegtem Fisch. "So einen Proviantkorb hatten wir eigentlich immer dabei, wenn wir irgendwo hingefahren sind", erzählt Peter Kien, einer der Besucher von damals. Er weiß noch, wie er sich gewundert hat, dass gar keine Lebensmittel im Haus waren. "Aber dann haben wir mitbekommen, dass das eine Ferienwohnung war und nicht die reguläre Wohnung der Treichels."