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Butterfahrt zum Todesstreifen
von Kathrin Otto
Christine und Peter Paulin - hier vor ihrem Schiff, der "Elbe-Star", lebten vom Grenztourismus.
In der niedersächsischen Stadt Hitzacker mit ihren rund 5.100 Einwohnern geht es eher ruhig zu - zumindest heute. Noch bis vor zwanzig Jahren war das anders, damals lebte der Ort vom Tourismus. Profitiert haben davon unter anderem Peter und Christine Paulin. Der 62-Jährige ist seit 1976 Kapitän auf der Elbe, seine Frau ist die Eignerin der "Elbe-Star", auf der die beiden noch immer täglich Elbrundfahrten anbieten. Als die Elbe nach dem Krieg zur politischen Grenze wurde, änderte sich das Leben am Fluss. Er trennte Hitzacker - neben Sperrgebiet, Metallgitter- und Hinterlandzaun - von der ehemaligen DDR.
Auf der Elbe fuhren Wachboote der DDR auf und ab, am gegenüberliegenden Ufer sah man die Grenzanlagen mit zwei Beobachtungstürmen. Ein Anblick, den nicht jeder Ort zu bieten hatte und einer, der Touristen anlockte. Peter Paulin erinnert sich noch gut. "Damals war hier was los. Hier kamen jeden Tag zehn bis 15 Busse mit Fahrgästen aus der ganzen Republik an. Hitzacker war voll." Besonders groß war der Andrang immer Anfang August, zu den Sommerferien. Auch aus Dänemark, Schweden und den Niederlanden kamen dann Gäste, sogar an Australier kann Paulin sich erinnern. Bis zu fünf Touren täglich hat der Kapitän dann auf der Elbe gemacht und dabei Vorträge über die Grenzanlagen gehalten.
Großer Andrang auf der "Elbe-Star"
Noch heute schwärmt Peter Paulin von den wissensdurstigen Fahrgästen, die froh waren, wenn sie überhaupt mitkamen und sich auch dann nicht beschwerten, wenn es oben an Deck mal ein wenig enger wurde. "Alle wollten aufs Wasser und die Grenze und Wachboote sehen. Wenn die vorbei fuhren, standen die Fahrgäste plötzlich alle auf einer Seite. Da musste man fast aufpassen, dass das Schiff nicht umkippt. So verrückt waren die Leute", lacht der 62-Jährige.
Schnellboot der Grenztruppe am Ufer vor Dömitz.
An eine Gruppe erinnert sich Paulin besonders gut: Amerikanische Offiziere mit ihren Frauen, die nach ihrer Stationierung in Deutschland in die Heimat zurückkehrten und zum Abschied noch eine Elbrundfahrt machten. "Sogar mit Uniform waren die an Bord, die hatten eine Sondererlaubnis", betont Paulin. "Da waren die NVA-Boote sofort da und haben fotografiert." Uniformen waren ansonsten am Ufer untersagt, selbst Bundeswehr-Soldaten durfte damit nicht direkt ans Wasser, um auf der "anderen Seite" niemanden zu provozieren.
Großes Interesse zeigten die DDR-Wachboote auch an Zollbeamten. Die fuhren immer dann an Bord der "Elbe-Star" mit, wenn eine Reisegruppe eine "offizielle Führung" wünschte. "Wenn ich einen Zollbeamten an Bord hatte, haben die Boote schon auf uns gewartet und geguckt, was der auf dem Wasser will", erzählt Paulin. "Das haben die drüben immer schon vorher gewusst, ich möchte nicht wissen wie viele Spione wir in Hitzacker hatten." Otto Meyer, 72, war einer der Zollbeamten, er hat sowohl an Land als auch zu Wasser Vorträge über die Grenzanlagen gehalten. Für das Zollkommissariat Hitzacker führte er Buch über die Gäste, die allein sein Amt zur Grenze führte. 3.000 bis 5.000 waren das im Monat, die Fahrgäste von Peter Paulin nicht mit eingerechnet.