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Die Vermessung der Elbe
von Kathrin Otto
Das DDR-Aufsichtsboot "Elbe II" fuhr ein bisschen gemächlicher als sein westdeutsches Pendant, die "Jeetzel".
Obwohl die Sonne scheint, ist es im Hafen des niedersächsischen Städtchens Hitzacker noch ruhig. Nur zwei Spaziergänger haben sich ans Ufer der Elbe verirrt, als Günter Borchert in die Straße einbiegt. Es ist Dienstagmorgen, kurz vor neun Uhr, als der 71-Jährige seinen Wagen parkt - wie damals, im August 1989. Nur dass Borchert heute als Rentner kommt - und mit dem Auto, nicht mit dem ehemaligen BRD-Aufsichtsboot "Jeetzel". Nach langer Zeit trifft sich der ehemalige Schiffsführer heute mit Günther Meier und Rainer Schwark. Meier war bis zur Wende Strommeister der DDR, Schwark der Schiffsführer des Aufsichtsbootes "Elbe II" der ehemaligen DDR.
Rainer Schwark öffnet das Tor zum Steg. Borchert und er begrüßen sich mit Handschlag und einem Lächeln. An Bord der "Bitter", dem Nachfolger der "Elbe II", wartet Günther Meier mit frisch gebrühtem Filterkaffee. "Nur Kaffee?" entrüstet sich Borchert und blinzelt lachend durch die Brille. "Keine 'Dömitzer Knüppel'?" Die Drei lachen, sie erinnern sich gern an die Brötchen, die sie damals oft zusammen gegessen haben. "Die waren immer frisch und richtig lecker", schwärmt Rainer Schwark. "Aber schwer zu bekommen, nur als Bückware, also unterm Tresen, oder über Beziehungen", erinnert sich Günther Meier. Weil sie regelmäßig Borcherts westdeutschen Kaffee tranken und auch mal Bananen von ihm bekamen, brachten sie so oft es ging 'Knüppel' aus Dömitz zu den wöchentlichen Treffen mit - heimlich natürlich.
Wöchentliche Treffen auf der Elbe
Am Ufer der ehemaligen DDR wurden Buhnen gebaut, um Wassertiefe und Fahrrinne zu regulieren
War der Kontakt zwischen Ost- und Westdeutschen für viele vor der Grenzöffnung nur schwer möglich, wurde er den drei Männern und Borcherts inzwischen verstorbenem Strommeister Carsten Oehlers sogar vorgeschrieben. Zu viert waren sie auf einem rund 100 Kilometer langen Elb-Abschnitt zwischen Hitzacker und Bitter für die Sicherheit auf dem Fluss verantwortlich. "Die Strommeisterei ist eigentlich dasselbe wie die Straßenmeisterei, nur zu Wasser", erklärt Borchert. Weil die Elbe immer in Bewegung ist, verändert sich ihr Flussbett ständig. Die sogenannte Fahrrinne, die tiefste Stelle des Flusses über eine Breite von 50 Metern, verschiebt sich, und so können die Schiffe nicht einfach mittig fahren.
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Im Winter hatten die Schiffsführer der Aufsichtsboote einen echten Knochenjob zu erledigen: den Eisaufbruch der Elbe. Gemeinsam wurde die Aufgabe von Ost und West erledigt.
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Um den Kapitänen den Weg zu weisen, "vermessen" die Strommeister vor Ort die Elbe andauernd. Per Echolot peilen sie die tiefsten Stellen aus und setzen an Land und auf dem Wasser Schifffahrtszeichen, die die Fahrrinne kennzeichnen. Diese Arbeit ist heute noch genauso wichtig wie zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung. Nur gab es damals eine Besonderheit: Der westdeutsche Strommeister durfte das ostdeutsche Land nicht betreten, um dort Schifffahrtszeichen Baken und Bober zu setzen. Der ostdeutsche Strommeister dagegen konnte nur auf "seiner" Uferseite arbeiten. Um die Sicherheit auf der Elbe zu gewährleisten, mussten Ost- und Westdeutschland also eng zusammenarbeiten.