Geschichte
Trabis an der B208 bei Mustin © NDR Fotograf: Sigurd Müller
 

Grenzenlos im Norden - Der Mauerfall

Zeitzeugen erinnern sich an die Wendezeit 1989 im Norden. mehr

 

Flucht bei Minus 20 Grad

von Nadine Dietrich und Bert Lingnau

Chaos auf den Straßen

Die Geschwister haben Glück: Ein Krankentransport der Wehrmacht nimmt die beiden mit. Tagelang kauern sie frierend zwischen schwerverletzten Soldaten. Das Chaos auf den Zufahrtsstraßen zu dem kleinen Ort Mohrungen an der Weichsel kann Otto Karkowski kaum beschreiben. Die Stimme versagt ihm. Pferdegespanne dicht an dicht, Menschen mit Handziehwagen, herumirrende Kinder, halb erfrorene Menschen, Leichen im Straßengraben. Gefechtslärm ist zu hören, die Rote Armee rückt immer näher.

Irgendwie schaffen Otto und Erika Karkowski es zum Mohrunger Bahnhof. Doch die Wehrmacht bereitet die Sprengung der Brücke über die Weichsel vor. Und der einzige und letzte Zug, der noch über die Brücke darf, ist übervoll mit verwundeten Wehrmachtssoldaten. Zivilisten mitzunehmen ist streng verboten. Otto Karkowski spricht einen deutschen Offizier an, der vor dem Bahnhof auf- und abgeht. Der Zufall will es, dass dieser der Verantwortliche für den letzten Zug ist. Im Heizwagen lässt er ein Loch in den Kohlen für die Geschwister graben.

Unter Kohlen im Heizwagen versteckt

"Dann hat er uns zugeschippt mit den Kohlen", sagt Otto Karkowski. "Und als der Zug kurz vor der Brücke war, sagt der Offizier: 'Gib Gas! Jetzt müssen wir durch!' Dann sind wir rübergefahren. Als wir halb auf der Brücke waren, wird die Brücke gesprengt. Wir sind Gott sei Dank noch rübergekommen. Ein paar Kilometer weiter hat der Zug angehalten. Da hat der Offizier uns erst einmal ausgebuddelt aus den Kohlen. Wir haben gezittert."

Und die Flucht geht weiter. Ihr Ziel: der kleine Ort Zimdarse in der Nähe von Swinemünde. Dort ist ihre Stiefmutter mit vier weiteren Geschwistern seit einem Jahr einquartiert. Otto und die 18-jährige Erika gehen zu Fuß, werden von Pferdewagen mitgenommen, klettern auf Militärfahrzeuge, bis sie endlich nach mehr als vier Wochen Flucht bei ihrer Familie ankommen.

Die Wiedersehensfreude ist groß, aber auch die Angst und die Ungewissheit: Den Vater hatten sie am ersten Tag der Flucht zum letzten Mal gesehen, ebenso ihren Bruder Kurt mit dem Pferdewagen. Und auch von Erich, dem zweitjüngsten Bruder, gibt es keinerlei Nachricht. Er hatte sich mit seinen 17 Jahren zwei Tage vor der großen Flucht noch zur Wehrmacht melden müssen. 14 Tage nach Erika und Otto erreicht - wie durch ein Wunder - ihr Vater, schwer auf seine Krücken gestützt, Zimdarse. Den Pferdewagen hatte er schon Wochen zuvor in der Nähe von Mohrungen an der Weichsel verloren.

Otto Karkowski erzählt weiter: "Am 6. Mai 1945 kamen die ersten Russen nach Zimdarse. Das waren die echten Kosaken, nur zu Pferde und mit langen Degen. Nach der Kapitulation am 8. Mai hat die polnische Armee Ordnung schaffen wollen. Dann ging's los, die erste Befragung. Wer für Polen optieren will, kann dableiben. Dann mussten wir alle auf die Straße raus. Da hieß es: Wer nicht für Polen optiert, der muss heute oder morgen Polen verlassen."

Die Karkowskis haben fast alles verloren

Die achtköpfige Familie Karkowski besitzt so gut wie nichts mehr. Jeder trägt ein kleines Bündel. Die Mutter schiebt den Kinderwagen mit der einjährigen Ingetraud. Todmüde schleppen sie sich zwei Tage zu Fuß bis Swinemünde. Mit einem Güterzug kommen sie nach Wolgast. Von dort schaffen sie es irgendwie nach Züssow, wo sie ratlos, fassungslos, verzweifelt vor dem zerstörten Haus ihrer verschwundenen Verwandtschaft stehen.

Otto Karkowskis Vater und sein Bruder Erich bleiben bis heute verschollen - ohne eine einzige Nachricht über ihren Verbleib, über ihr Schicksal. Die Stiefmutter starb ein Jahr nach der Flucht. Sieben Kinder im Alter zwischen zwei und 22 Jahren blieben zurück - ohne Mutter, ohne Stiefmutter, ohne Vater. Ohne Heimat. Was bleibt: die Bilder im Kopf und im Herzen von der Kindheit in Herzogsau. Und die Bilder des Krieges und der Flucht.

Das ungekürzte Manuskript des Beitrags finden Sie hier.

Quelle: NDR 1 Radio MV      

Manuskript

Vermisst, verschollen, wiedergefunden - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV.

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