Geschichte
Trabis an der B208 bei Mustin © NDR Fotograf: Sigurd Müller
 

Grenzenlos im Norden - Der Mauerfall

Zeitzeugen erinnern sich an die Wendezeit 1989 im Norden. mehr

 

Flucht bei Minus 20 Grad

von Nadine Dietrich und Bert Lingnau

Flüchtlinge verlassen Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat. © dpa-archiv Viele Flüchtlinge verlassen Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat. Um fünf Uhr morgens am 15. Januar 1945 in Herzogsau, einem Dorf im ehemaligen Ostpreußen: Alle Deutschen sind auf den Beinen, Pferdegespanne stehen dicht gedrängt auf den Dorfstraßen. Irgendwo in dem Durcheinander, das einmal ein Treck werden soll, befinden sich der damals elfjährige Otto Karkowski, seine Schwester Erika und sein Bruder Kurt. Bei Minus 20 Grad und 70 Zentimeter Schnee brechen die Karkowskis auf in Richtung Westen.

Kurt Karkowski, der älteste Sohn, ist damals 19 Jahre alt. Er hatte als Soldat in Stalingrad ein Bein verloren, war deshalb nicht mehr an der Front und lenkt nun den Pferdewagen der Familie, seine Krücken neben sich. Erika und Otto sitzen hinten auf dem Wagen oder laufen neben dem Gespann her, um sich aufzuwärmen. Ihr Vater ist verantwortlich für den Treck des gesamten Dorfes. Er läuft vor und zurück, hilft, Wagen aus dem Schnee zu zerren, treibt Zögernde an, versucht, den Treck irgendwie zusammenzuhalten.

Flieger greifen den Treck an

"Bei vielen waren schon am ersten Tag ältere Leute erfroren, Säuglinge gestorben", erinnert sich Otto Karkowski. "Die Leichen wurden im Schnee vergraben, so tief war der Schnee. Am ersten Tag, an dem wir im Treck unterwegs waren - Fliegerbeschuss! Wir hörten bloß die Hülsen, wie sie auf die Straße klingelten, auf den Pferdewagen und auch im Wald. Da haben wir uns versteckt. Wenn die Flieger wieder fort waren, konnte der Treck weiterfahren. Wir kamen dann wieder raus aus dem Wald oder aus dem Chausseegraben. Manchmal haben wir uns sogar im Schnee eingebuddelt."

Otto Karkowski und seine Schwester Erika tun alles, um sich in dem Durcheinander nicht zu verlieren. Nach einem der Fliegerangriffe finden sie weder ihren Bruder Kurt mit dem Pferdewagen der Familie wieder, noch ihren Vater. Im Januar sind die Tage sehr kurz. Die Nebenstraßen und Waldwege, auf denen sich der Treck westwärts quält, sind nicht beleuchtet. So irren sie in der Dunkelheit umher, laufen von Wagen zu Wagen, fragen nach Kurt und dem Vater. Es hilft nichts. Sie müssen allein weiterziehen. "Das war natürlich für uns sehr schwer", erinnert sich Otto Karkowski. "Als die erste Nacht anbrach, haben wir in einem leeren Haus auf der Strecke Unterschlupf gesucht." Der Treck, dem sie sich am nächsten Tag anschließen, ist 30 Kilometer lang.

Manuskript

Vermisst, verschollen, wiedergefunden - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV.

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