Nichts geht mehr: Die Spielbankaffäre 1988
Hat die CDU Stimmen gekauft und heimlich in Kasinos mitverdient? mehr
Ministerpräsident Ernst Albrecht verteidigte die Aktion und wertete sie als Erfolg.
Erste Stellungnahmen lassen nicht lange auf sich warten. Während Gerhard Schröder als damaliger SPD-Spitzenkandidat Albrecht dafür attackiert, dass er "zur Bekämpfung des Terrors den Einsatz terroristischer Mittel anordnet", gibt sich der Ministerpräsident selbstbewusst: "Ich bin sicher, dass unsere Bevölkerung genau das von mir verlangt." Zur Erfolgsbilanz der Aktion zählen angeblich der verhinderte Mord an einem Celler Justizvollzugsbeamten durch Debus und die Entdeckung einer konspirativen Wohnung in Hamburg, in der eine Fünf-Kilo-Bombe gefunden wurde und die als "Volksgefängnis" gedacht war. Außerdem hätten die V-Leute wichtige Informationen über die baskische Terror-Organisation ETA ermittelt.
Der Ende 1986 eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss kann Albrechts Eigenlob, "schlimme Verbrechen" verhindert zu haben, nicht bestätigen. Tatsächlich traten die V-Leute als reichlich fragwürdige Provokateure auf. Sie halfen, so vermutet der Grünen-Abgeordnete Georg Fruck, Verbrechen aufzuklären, "die sie selbst eingefädelt und dann als Erfolg verkauft" haben.
Wesentlich stärker als die Celler Gefängnismauer ist das Vertrauen in die Politik und die Sicherheitsorgane erschüttert. Das Schüren von Terrorangst und die gezielte Desinformation der Bevölkerung führten dazu, dass man künftig nicht mehr wisse, "welche Anschläge von Terroristen und welche vom Staat zu verantworten sind", urteilt der damalige Abgeordnete des Niedersächsischen Landtags Jürgen Trittin. Verfassungsschützer Peter Frisch hatte nämlich betont, dass auch ein Sprengstoffanschlag durchaus ein "nachrichtendienstliches Mittel" sein könne.
Die am 7. Mai 1986 eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen die Beteiligten der Sprengung werden tags darauf wieder eingestellt, da sich in den Augen der Lüneburger Staatsanwälte keine Anhaltspunkte für Straftaten ergeben hätten und für verschiedene Vorwürfe bereits Verfolgungsverjährung eingetreten sei. Unklar bleibt zunächst, ob eine derartige staatliche Sprengaktion samt umfassender Desinformation grundsätzlich rechtens ist oder nicht. Die abrupte Einstellung des Verfahrens legt jedoch nahe, dass solches Handeln nicht gegen Gesetze verstößt. Dadurch erhält das Celler Loch den Status eines fragwürdigen Präzedenzfalls.
Als 1998 die alte Außenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle einer neuen weicht, fräst die anstaltseigene Maurerkolonne das Celler Loch in einem Block heraus und rekonstruiert es. Seitdem erinnert das Denkmal Besucher, Bedienstete und Bewohner an den Skandal, damit, so Paul Kühlings Nachfolger Rüdiger Wohlgemuth, "dieser Staatsunsinn nicht in Vergessenheit gerät." Doch vom Celler Loch bleibt nicht nur ein Denkmal zurück, sondern auch die stets wiederkehrende Debatte um den Einsatz von Lockspitzeln.