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Nasse Füße beim Mitternachtstango

Zeitzeugenbericht von Ewald Eden

Für NDR 1 Niedersachsen Hörer Ewald Eden aus Wilhemshaven war die Nacht der großen Sturmflut 1962 eine Nacht wie keine andere. Er erlebte sie auf Norderney:

Ewald Eden steht hinter einem Schreibtisch und telefoniert. © E. Eden Fotograf: E. Eden Detailansicht des Bildes NDR 1 Niedersachsen Hörer Ewald Eden erinnert sich an seine Erlebnisse auf Norderney in der Sturmflutnacht. "Seit Tagen schon kam der Sturm aus Nordwest, die Schiffe an der Kaje im südseitigen Norderneyer Hafen waren fester vertäut. Es war die ruhige Zeit für die Insel der Reichen und Schönen - die Zeit der wenigen Gäste auf Norderney und des Atemholens. Die Dampfer der "Frisia" lagen mit Hochbord am Hafenkai und der Fährbetrieb war schon seit dem Vortag aus Sicherheitsgründen eingestellt.

Grünkohlessen im Hafenrestaurant

Vom Deck der weißen Schiffe konnte man geraden Blickes in den geräumigen Gastraum des hochgelegenen Hafenrestaurants sehen, in dem an diesem Abend des 16. Februar 1962 die Mitarbeiter einer maritimen Behörde ihr winterliches Grünkohlessen veranstalteten. Natürlich waren in den Stunden und Tagen zuvor Sturmwarnungen des Wetteramtes und des Seewetterdienstes verbreitet worden. Nur hat es auf der Insel in den Büros der zuständigen Stellen wohl nicht mehr Beachtung gefunden als die für diese Jahreszeit üblichen Warnungen auch. Das Eiland war ja sicher. Da waren sich wohl alle ganz sicher.

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Uniformierte Männer marschieren über den Deich bei Augustgroden am Tag nach der Sturmflut 1962. © Archiv des Rüstringer Heimatbundes e.V.
 

Katastropheneinsatz am Butjadinger Deich

Bei der Sturmflut 1962 rückte die Bundeswehr erstmals zum Katastropheneinsatz im Innern an. 40.000 Soldaten aus dem gesamten Land waren im Einsatz - auch in Niedersachsen. mehr

Bedrohung nicht ernst genommen

Erst die eigenen nassen Füße während des Mittenachtstangos auf der Tanzfläche der Hafenkneipe machten den ausgelassen Feiernden die akute Bedrohung durch den blanken Hans bewusst. Ein wenig spät, hat im Nachhinein manch Katastrophendienstler geäußert, weil angesichts der fehlenden Vorbereitungen offenbar wurde, dass die Insel auch nicht im Mindesten für (oder gegen) ein solches Ereignis gerüstet war.

Wofür auch brauchte man Sandsäcke als Hochwasserschutz? Man hatte ja im Westen und im Norden die Dünen und im Süden den Deich als sichere Wehr gegen die tosende Nordsee. Nur hatte man an maßgeblicher Stelle übersehen, dass wegen des sich im Bau befindlichen Kurheims der LVA am östlichen Nordstrand in den schützenden Dünengürtel eine Bresche geschlagen worden war. Eben durch diese Bresche ergoss sich als Erstes am späten Abend des 16. Februar das Wasser der Nordsee in den ansonsten geschützten Inselkessel, um alles, was sich in der Stadt unter Hochparterre-Niveau befand, zu fluten.

Das Wasser sucht sich seinen Weg

Sturmflut 1962 © Hans Carstens Fotograf: Hans Carstens Detailansicht des Bildes Auch auf Norderney suchte sich das Wasser wo immer es ging seinen Weg. Wenig später - um Mitternacht - erwies sich dann auch die Kaiserpromenade als zu flachbrüstig angelegt. Die auflaufenden Wellen schlugen darüber hinweg und brandeten gegen die Hotelfronten längs der Kaiserstraße, um sich dann durch die Brandwehrlohnen in das tiefer dahinterliegende Stadtgebiet zu verdrücken. Dabei unterspülten sie die flachen Fundamente der mehrgeschossigen Nachkriegsbauten, die sich dadurch jeweils in der Mitte, längs der Treppenhäuser, wie ein Reißverschluss auftaten und sich mit ihren Seitenfronten gegeneinander lehnten. Ein Gebäude stützte so das andere, was sie allerdings nach der Flut nicht vor dem Abbruch bewahrte.

"Ein fesselndes Erlebnis"

Wir, die wir - noch alle im Jünglingsalter - unsere Weihen in den gastronomischen Betrieben auf der Insel erhielten, betrachteten das Spiel der Gewalten schon als ein fesselndes Erlebnis. So wie etwa meine Begegnung mit dem Nordseewasser unmittelbar an der Mühle. Mein Zweitjob-Boss, Melkbuur Edo, hatte sich angeboten, mich in seinem dreirädrigen Goliath Lastesel mit zum Hafen zu nehmen. Er benötigte meine Hilfe. Unweit des Krankenhauses, bei der Abfahrt in die Hafensenke, gab es einen gewaltigen Rums - und dann nur noch Schmurgeln und Blubbern und Zischen. Wir waren mit der höchsten Geschwindigkeit, die das Vehikel hergab, in das graugrüne Nordseewasser gerauscht. Das treue Auto war unversehens zum U-Boot geworden.

Stromversorgung der Insel ist zusammengebrochen

Sturmflut 1962 © Prof. Dr. Erich Wohlenberg Fotograf: Prof. Dr. Erich Wohlenberg Detailansicht des Bildes Auch auf Norderney spülte die Sturmflut von 1962 ganze Gebäude weg. Das hat selbst dieses robuste Gefährt nicht einfach so weggesteckt. Was war geschehen? Stunden nach dem offiziellen Hochwasser war die seit mehreren Tiden am Festlanddeich gestaute Flutwelle zurückgelaufen und hatte die Insel von Süden her überrollt. Ein solches Ereignis war selbst in den Geschichtsbüchern noch nirgendwo verzeichnet. Im Nachhinein erklärte das "Volllaufen" des Hafenbeckens über den Süddeich auch die blendende Helle über der Insel und die anschließende totale Finsternis.

Gegenüber dem Bahnhof stand bis zu dem Augenblick des "Wintergewitters" in der Leechte ein der damaligen Technik entsprechendes Transformatorenhaus - vierkantig, aus Backstein, fensterlos, drei Etagen hoch: die Kopfstation des ankommenden Seekabels für die Stromversorgung der Insel. Durch die weit offenstehende Tür der Station begünstigt, war das Gebäude in Sekundenschnelle geflutet und begleitet von einem gewaltigen Blitzen und Knallen in Tausende kleiner Teile zerlegt worden. Dadurch war das Eiland in seiner Gänze tagelang ohne Stromversorgung. Mitten im Winter.

Gebäude der Strandverwaltung einfach weggespült

Für alle auf der Insel Anwesenden war es eine völlig neue Erfahrung. Am Tag danach gab es zwischen der Nordstrandpromenade und der Wetterwarte keine Gebäude der Strandverwaltung mehr. Was es aber sichtbar wieder gab, das waren die Befestigungsanlagen aus kaiserlichen Blütejahren am Ostende der Insel, die bis dahin unter den Dünen verborgen waren. Die See hatte fünfzig und mehr Meter Dünen einfach fortgespült.

Insel hatte ein neues Gesicht

Sturmflut 1962 © Prof. Dr. Erich Wohlenberg Fotograf: Prof. Dr. Erich Wohlenberg Detailansicht des Bildes Viele Deiche hielten der gewaltigen Sturmflut von 1962 nicht stand. Geblieben waren fremdartige Sandsteilwände, wie sie die Insel noch nie vorher geziert hatten. Norderney hatte - wie sicher die anderen Inseln auch - über Nacht ein anderes Gesicht bekommen. Es mag zum Schluss ein bisschen banal klingen angesichts des großen Elends, das in der Sturmnacht über viele Menschen längs der Küste hereinbrach, aber für uns war es ein urgewaltiges Erlebnis - damals in der Sturmnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962."

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Die Soldaten Rainer Gogolin (links) und Oskar Rosa (rechts) beim Deichschutzeinsatz bei der Sturmflut 1962 an der ostfriesischen Nordseeküste © Rainer Gogolin Fotograf: Rainer Gogolin
 

"Der Sturm war mir unheimlich"

Vielen Menschen ist die Sturmflut auch 50 Jahre danach noch sehr lebhaft in Erinnerung. NDR 1 Niedersachsen Hörer erzählen von der Nacht, als das Wasser kam. mehr

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Dossier
Sturmflut 1962: Soldaten tragen Menschen von der Schule in der Fährstraße in Hamburg-Wilhelmsburg durchs Wasser zu einem Fahrzeug. © NDR Fotograf: Peter Sander
 

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Links

Informationen vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.

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