Eine jüdische Kindheit unterm Hakenkreuz

von Elena Kuch

Steffi Wittenberg sitzt in einem Vortragsraum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Mit ihren 86 Jahren hat sie immer noch den gleichen aufgeweckten Gesichtsausdruck wie auf dem Porträtfoto, das sie als junges Mädchen zeigt. Zwei Schulklassen aus Kiel sitzen im Publikum. Die Jüdin erzählt von ihrer Kindheit in Hamburg, von alltäglichen Repressalien und von ihrer Flucht vor den Nazis nach Uruguay. Sie spricht mit fester, klarer Stimme und man hört die hamburgische Färbung.

Verbote für jüdische Kinder

Steffi Wittenberg in der Gedenkstätte des KZ Neuengamme.  Fotograf: Elena Kuch Detailansicht des Bildes Steffi Wittenberg (86) emigrierte 1939 nach Uruguay. Als Zeitzeugin erzählt sie von ihrer Kindheit unter den Nazis in Hamburg. Aufgewachsen ist Steffi Wittenberg als Tochter eines Lederwarenvertreters in Hamburg-Rotherbaum, fest integriert in die liberale jüdische Gemeinde der Stadt. Eingeschult wurde sie in die Jahnschule (heute Ida Ehre Schule) in Eimsbüttel. Doch kurz darauf bekam sie bereits die ersten Repressalien zu spüren: Jüdische Kinder durften nicht mehr auf öffentliche Schulen gehen. Steffi und mehrere Klassenkameradinnen wechselten zunächst auf die Jüdische Mädchenschule in der Karolinenstraße und wurden später auf die Talmud-Tora-Schule geschickt.

Viele Freizeitaktivitäten wurden verboten. "Wir durften nicht mehr auf die Eisbahn in Planten un Blomen", erinnert sie sich. "Das hat mich getroffen, denn ich war jung und wollte mein Leben genießen."

Bedrohung und Alltagshetze

Schon als junges Mädchen bekam sie bewusst mit, dass Juden bedroht wurden. Immer mehr Mitschüler verschwanden aus der Schule, weil sie emigrierten. Ob mit ihren Familien oder ganz alleine in einem der Kindertransporte. "Ich habe mich für diejenigen, denen Asyl im Ausland gewährt wurde, gefreut, weil sie es raus schafften", erzählt Steffi Wittenberg. Obwohl sie ein fröhliches Kind war, bekam sie Angst, wenn sie abends Schritte im Treppenhaus hörte. "Es könnte die Gestapo sein", dachte sie dann. Sie wusste schon, dass die Uniformierten Juden mitnehmen und verhaften.

Die Herabsetzung von Juden wurde zum Alltag, das spürten auch Kinder. Wie sehr der Antisemitismus in den Köpfen der Deutschen saß, wird in einem doppeldeutigen Zitat deutlich, das Steffi Wittenberg gerne vorträgt. Eine Nachbarin sagte eines Tages zu ihrer Mutter: "Ach, Frau Hammerschlag, wenn alle Juden so wären wie Sie! Aber so müssen die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden." Steffi Wittenbergs Mutter zitierte diesen Satz jahrelang im Exil. Er zeigte ihr so deutlich, wie viele Menschen gedacht haben.

Kriegsausbruch und Emigration nach Uruguay

Reisepass von Steffi Wittenberg, die mit ihrer Familie 1939 von Hamburg nach Uruguay emigrierte.  Detailansicht des Bildes Steffi Wittenberg hat noch immer ihren Reisepass, mit dem sie 1939 nach Uruguay emigrierte. Ihre Eltern hatten die Gefahr für die Familie früh erkannt und bemühten sich um eine Ausreise aus Deutschland. Einen Monat vor der Reichspogromnacht 1938 machten sich Steffi Wittenbergs Vater und Bruder auf den Weg nach Uruguay. Kurze Zeit später sollten Steffi und ihre Mutter folgen. Doch die Behörden zögerten die Einreisegenehmigung hinaus.

Als Deutschland Polen den Krieg erklärte, war Steffi Wittenberg 13 Jahre alt. "Ich war ein lebensfrohes Mädchen", betont sie immer wieder. Der Kriegsbeginn trübte das. "Jahrzehnte später, als ich mein Tagebuch, wiederfand, schämte ich mich für meine Reaktion auf den 1. September 1939." In dem Tagebuch stand: "Heute rief der Führer zu den Waffen. Ausgerechnet an Gretes Geburtstag." Sie hat das Tagebuch weggeworfen. "Ich habe damals nicht verstanden, dass ein Kind durchaus so reagieren darf".

Einige Wochen nach Kriegsausbruch bestieg Steffi Wittenberg mit ihrer Mutter das Schiff nach Montevideo. Sie lernte dort ihren Mann kennen. 1951 zog sie mit ihm wieder nach Hamburg. Erst nach der Rückkehr erfuhr sie von vielen tragischen Schicksalen ihres Hamburger Umfelds. Klassenkameradinnen, Nachbarn und Verwandte waren deportiert und ermordet worden. Oft waren sie denunziert worden. Wenn Steffi Wittenberg in der Nachkriegszeit Menschen auf der Straße oder in der Bahn ansah, hat sie sich oft gefragt, wie diese sich wohl während der Nazi-Zeit verhalten haben.

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Ein Privileg für Schüler, Zeitzeugen zu treffen

Steffi Wittenberg hat nachgeforscht, was aus ihren ehemaligen Freunden geworden ist. In das Studienzentrum in Neuengamme hat sie viele alte Fotos, Zeugnisse und Pässe mitgebracht. Auch ihr altes Poesiealbum liegt auf dem Tisch. Einige ihrer Freundinnen konnten emigrieren, andere sich verstecken. Ihre Klassenkameradin Renate Freimuth hat in das Album geschrieben: "Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott". Sie wurde gemeinsam mit ihrer Familie nach Lódz deportiert und im Vernichtungslager Kulmhof getötet.

Die Schüler, die nach Neuengamme gekommen sind, fragen nur zaghaft nach. Steffi Wittenberg berichtet einerseits gerne von ihrem Leben, "weil es wichtig ist, an die Zeit zu erinnern". Andererseits findet sie es schwierig, wenn Schüler nur wenig Interesse zeigen. "Dabei gibt es ja nicht mehr viele Zeitzeugen", sagt sie. Und wenige, die mit einer solchen Kraft berichten. Über die eigene Jugend, in der harte Repressalien in den Straßen Hamburgs Teil des Lebensalltags waren und den kindlichen Frohsinn trübten.

 

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