Der systematische Völkermord

von Jan Oltmanns, tagesschau.de

Eingang zum Stammlager des KZ Auschwitz (Bild: dpa).  "Arbeit macht frei" lautete der zynische Spruch am Eingang zum Stammlager des KZ Auschwitz. Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz erreichte, bot sich den Soldaten ein grauenhaftes Bild: Nur etwa 7.000 Häftlinge in den drei Komplexen des größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers waren noch am Leben; die meisten von ihnen Elendsgestalten, die zu krank oder zu schwach für den Marsch in die Lager im Westen waren - fort von der näherrückenden Front. Ein Augenzeuge notiert: "Einige sitzen stur auf der Erde, nur auf Nahrungsmittel reagieren sie. Vor Schmutz und Verwahrlosung kann man ihre Züge nicht erkennen. Es ist zu grauenhaft. Man kann das nicht beschreiben. Und man kann nicht helfen".

Blick von einem Balkon auf den Todesmarsch durch Starnberg-Percha. (Foto: Benno Gantner, 28. April 1945)  In den lezten Monaten des Kriegen wurden Lager-Häftlinge zu Fuß nach Westen getrieben. Fast 60.000 Häftlinge aus Auschwitz waren nur wenige Tage vor dem Eintreffen der Russen zu Fuß auf die "Todesmärsche" in die eisige Kälte des polnischen Winters geschickt worden. Das Regime versuchte in den letzten Kriegsmonaten fieberhaft, die Spuren seiner Taten zu verwischen. Experten schätzen, dass jeder vierte Häftling auf dem langen Marsch in den Westen starb. Sie erfroren, verhungerten oder wurden erschossen, wenn sie nicht mithalten konnten. Diejenigen, die auch diese Tortur überlebten, wurden in die Lager Mittelbau-Dora, Buchenwald, Dachau und Flossenbürg gepfercht. Dort ging das Morden fast bis zum letzten Kriegstag weiter.

Lebenslanges Leid der Überlebenden

Für viele der wenigen, die schließlich in Auschwitz befreit wurden, kam jede Hilfe zu spät. Sie starben an den Folgen von Erschöpfung, Hunger oder Krankheit. Viele der Überlebenden blieben bis an ihr Lebensende gebrochene Menschen. Sie fühlten sich in den aufstrebenden Nachkriegsgesellschaften fremd. Der Schriftsteller Primo Levi hat Auschwitz überlebt und seine Geschichte in eindrücklichen Essays und Berichten zu verarbeiten versucht. Zum Tag der Befreiung notiert er: "Die Nachricht rief in mir keine unmittelbare Bewegung hervor. Seit vielen Monaten kannte ich keinen Schmerz, keine Freunde und keine Angst mehr, es sei denn jener unbeteiligten, entfernten Art, die für das Lager charakteristisch ist und die man als konditional bezeichnen könnte. 'Hätte ich jetzt', so dachte ich, 'mein Empfindungsvermögen von früher, dann wäre dies ein äußerst erregender Augenblick.'"

Umgang mit der eigenen Geschichte

KZ Buchenwald: Häftling im kleinen Lager nach der Befreiung im April 1945. (Bild: Gedenkstätte Buchenwald).  US-Truppen befreiten bei ihrem Vormarsch nach Westen auch das KZ Buchenwald. Bei ihrem Vormarsch auf Berlin stießen West-Alliierte und Russen immer wieder auf Konzentrationslager. Mit den Soldaten kamen die Fotografen. Sie machten jene Bilder und Filme, durch die die Existenz und der Schrecken der Lager weltweit bekannt wurden. Die Aufnahmen bekamen auch die Deutschen zu sehen. Viele waren persönlich betroffen - gleichwohl blieb die öffentliche Aufarbeitung der Verbrechen zunächst aus. Viele Angehörige der Funktionseliten, die dem NS-Regime treu gedient hatten, kamen nach dem Krieg ohne größere Schwierigkeiten wieder zu Amt und Würden, die Justiz verfolgte Kriegsverbrechen nur zögerlich. Folglich bescheinigt der Historiker Norbert Frei der jungen Bundesrepublik in den 50er-Jahren eine "Phase der Milde" gegenüber den Tätern, in der der Nationalsozialismus "wie ein über Deutschland hereingebrochenes Fremdregime mit einer im Grunde geringen Zahl von 'Kollaborateuren' und einem Heer harmloser Mitläufer erschienen war".

Diese "bleierne Zeit" endete mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Von 1963 an wurde hier das Ausmaß der Verbrechen zum ersten Mal systematisch untersucht. Zeugen und Sachverständige führten der Öffentlichkeit die furchtbaren Details des Holocaust vor Augen, begleitet von großem nationalen und internationalen Medieninteresse.

Zwar blieben die 22 Angeklagten bis zum Ende uneinsichtig und kamen mit vergleichsweise milden Strafen davon; mit der minutiösen Rekonstruktion dieser von Menschen errichteten Hölle auf Erden allerdings wurde in Deutschland die Mauer des Schweigens durchbrochen: Die Verantwortung für die Verbrechen ließ sich nicht länger hinter der Fassade einer jungen, aufstrebenden und scheinbar geläuterten Demokratie verbergen. Auschwitz steht seither wie kein anderes Lager für die Verbrechen der Deutschen und wurde als "Todesfabrik" Symbol für den Mord an den europäischen Juden. Es mahnt als Chiffre für den "Zivilisationsbruch", dass die Entfesslung totaler Gewalt in jeder zivilisierten und aufgeklärten Gesellschaft möglich ist: Der Holocaust ist Teil der Moderne selbst. Und Auschwitz ist heute der zentrale Ort für die Trauer um die Opfer - sei es für staatliches Gedenken oder für individuelles stilles Erinnern an die Verbrechen.

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Auschwitz-Guide Halina Swiderska bei einer Führung unter dem Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" © NDR Fotograf: Christian Spielmann
 
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Holocaust

Der Begriff steht für den Massenmord an Juden unter dem NS-Regime von 1939 bis 1945. Der systematischen Vernichtung fielen mehr als sechs Millionen Menschen in Europa zum Opfer.

Ursprünglich stammt das Wort Holocaust aus dem Griechischen (= vollständig verbrannt) und bezeichnete Brandopfer. In den 1940er-Jahren verwendeten britische Autoren den Begriff erstmals für die Morde an den Juden, ab den späten 1950er-Jahren setzte er sich auch in den USA durch. In Deutschland verbreitete sich das Wort, nachdem es 1979 in einem US-Fernsehfilm benutzt worden war.

Viele Juden verwenden statt Holocaust den hebräischen Begriff Schoah ( = Unheil, Katastrophe). Er bezeichnet ausschließlich den Mord an Juden, während Holocaust teilweise auch in anderen Zusammenhängen benutzt wird.

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Ausgemergelte Männer liegen dicht an dicht in Holzkojen - Aufnahme von 1944 aus einer Gefangenen-Baracke in Auschwitz. © picture-alliance / Mary Evans Picture Library/WEIMA
 

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