Der Überfall: Deutschlands Krieg gegen Polen
Autor: Jochen Böhler
Eichborn Verlag, 1. Auflage
Erscheinung: 3. August 2009
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
ISBN-10: 3821857064
ISBN-13: 978-3821857060
Allein in Hamburg mussten 500.000 Menschen Zwangsarbeit leisten.
Doch auch an der propagandistisch sogenannten "Heimatfront" änderte sich der Alltag mit Beginn des Polenfeldzugs: Bereits am 1. September 1939 wurden Lebensmittelkarten für Fett und Fleisch, Milchprodukte und Zucker eingeführt, ab Oktober auch für Bekleidung. Es gelang den Nazis, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, die Versorgung der Bevölkerung weitgehend aufrechtzuerhalten. Dafür sorgten auch die rücksichtslose Ausbeutung der besetzten Ostgebiete, sowie die sofort mit Kriegsbeginn einsetzende Verschleppung von Millionen von Zwangsarbeitern zum "Arbeitseinsatz im Reich", der Unzähligen das Leben kostete. Ab 1939 steigerte sich die Zahl der Zwangsarbeiter kontinuierlich, bis Kriegsende leisteten allein in Hamburg 500.000 Menschen Zwangsarbeit, zumeist Sklavenarbeit unter unmenschlichen Bedingungen.
In Polen führte die Wehrmacht von Anfang an einen Vernichtungskrieg. Nach neuesten Forschungsergebnissen griff sogar noch vor den Schüssen der "Schleswig-Holstein" die Luftwaffe an. Vom schlesischen Schloss Schönwald aus startete gegen vier Uhr morgens ein Geschwader von sogenannten Sturzkampfbombern (Stukas). Ihr Ziel: das militärisch völlig unbedeutende polnische Städtchen Wielun, unweit der Grenze. Die Stadt war vollkommen unbefestigt, ohne Garnison, Luftabwehr oder Bunker. Ungefähr um halb fünf in der Frühe begann der Bombenterror: In drei Angriffswellen warfen die deutschen Flieger 380 Bomben mit einer Sprengkraft von zusammen über 45.000 Kilogramm ab. Rund 1.200 Menschen wurden getötet, die Stadt durch den Bombenhagel und die anschließenden Brände zu 90 Prozent zerstört. Und das, obwohl selbst der Kommandeur des Geschwaders "keine besondere Feindbeobachtung" melden konnte.
Während Hitler in Berlin also noch verkündete, die Luftwaffe beschränke sich auf militärische Ziele, hatten die Hermann Göring unterstellten Verbände bereits ihr erstes Massaker verübt. Eugeniusz Kolodziejczyk, der damals Schüler in Wielun war, erinnert sich: "Ich sah, dass ein paar Meter entfernt ein fünf- oder sechsjähriges Mädchen lag, schwarze Haare und das ganze Gesicht voller Blut. Sie war vielleicht das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs." Der Historiker Jochen Böhler konstatiert: "Die Luftangriffe auf Polen waren von vornherein nicht als rein militärische Angriffe, sondern als Terrorangriffe geplant. In den ersten Wochen des Krieges wurden Hunderte von Ortschaften bombardiert, unabhängig davon, ob sie mit polnischen Soldaten besetzt waren oder nicht."
Nach den Luftangriffen der Alliierten lagen viele deutsche Städte in Trümmern.
Nach der Besetzung Polens verheimlichte das Regime seine mörderische Kriegsführung übrigens keineswegs: Propagandaminister Goebbels ließ voller Begeisterung einen Film "über die gewaltigen Leistungen der Luftwaffe" drehen, den er voller Zynismus "Die Feuertaufe" nannte. Allerdings verfehlte der Streifen offenbar teilweise seine Wirkung, denn in den geheimen Berichten des Sicherheitsdienstes der SS heißt es, die Bilder der Zerstörung hätten vor allem bei Frauen "Stimmen des Mitleids mit den Polen" und eine "bedrückende, verängstigte Stimmung" hervorgerufen. Vielleicht ahnten einige der Kinobesucher bereits, dass die Schrecken des Krieges eines Tages heimkehren würden: Als Lübeck, Hamburg, Bremen und andere deutsche Städte ab 1942 im Feuersturm versanken, erntete die Bevölkerung in grauenvoller Weise jene Früchte des Terrors, den ihre Führung und Armee am 1. September 1939 entfesselt hatte.