Hintergrund

"Heimatfront" - der Krieg der Zivilisten

von Jürgen Brühns

Lebensmittelkarte für Fleisch aus dem Jahr 1939. © picture alliance / Bildagentur-online/Falkenstein Detailansicht des Bildes Lebensmittelkarten für Brot und Fleisch sollten die Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisten. Der Begriff "Heimatfront" ist ein Schlagwort der Nationalsozialisten zu Propagandazwecken. Es sollte die Verbundenheit zwischen den Soldaten an der Front und der Zivilbevölkerung in der Heimat stärken. Im Verlauf des Krieges wurde der Begriff auch auf den Arbeitseinsatz in der Heimat ausgedehnt. Propagandaminister Joseph Goebbels benutzte ihn für seine Propaganda vom "totalen Krieg" und vom "Kampf an allen Fronten". Damit wollte er die Deutschen an der Front und in der Heimat zu einer Kampfgemeinschaft zusammenschweißen. Im Mittelpunkt stand die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Alltagslebens zur Sicherung einer positiven Stimmung in der Bevölkerung. Nichts fürchteten die Nationalsozialisten mehr als sinkende Kriegsmoral und soziale Unruhen, ausgelöst durch eine unzureichende Versorgung, wie es im Ersten Weltkrieg der Fall war. Ihrer Ansicht nach hatten die Hungerjahre ab 1916 zur Niederlage Deutschlands beigetragen; die Heimat sei dem im Felde unbesiegten Heer in den Rücken gefallen ("Dolchstoßlegende").

Sicherung der Nahrungsmittelversorgung

Vordringliches Ziel war daher eine zufriedenstellende Versorgung. Die am 1. September 1939 eingeführten Lebensmittelkarten für Fett, Fleisch, Milchprodukte, Zucker und Marmelade sollten ausreichende Rationen ausweisen. Ab Mitte Oktober gab es zudem eine Reichskleiderkarte. Aber der Krieg verlief nicht wie erwartet, und die propagierte agrarische "Erzeugerschlacht" erbrachte nicht genügend Nahrungsmittel. 1942 kam es zu einer Verschärfung der Rationierung. Dennoch gelang es den Machthabern weitgehend, bis zum Kriegsende ernsthafte Ernährungsprobleme für die deutsche Bevölkerung zu vermeiden. Stattdessen beuteten sie zur Versorgung der deutschen Bevölkerung die besetzten Gebiete rücksichtslos aus.

Der Krieg bindet immer mehr Arbeits- und Hilfskräfte

Werkhalle bei Volkswagen, Karosserie auf Band. Sowjetischer Kriegsgefangener (Zeichen "SU" auf Brust) am Band (Bild: dpa)  Sowjetische Zwangsarbeiter wurden auch in deutschen Industrieunternehmen eingesetzt, wie hier bei Volkswagen. Zunehmend wurde die Zivilbevölkerung in die Kriegsanstrengungen an der "Heimatfront" einbezogen. Seit 1939 waren Mädchen ab 18 Jahren zum sechsmonatigen "Reichsarbeitsdienst" verpflichtet. Ab August 1941 mussten viele für ein zusätzliches halbes Jahr "Kriegshilfsdienst" beim Luftschutz, in sozialen Einrichtungen, Krankenhäusern, kinderreichen Familien oder Verkehrsbetrieben ableisten. Die wöchentliche Arbeitszeit stieg auf über 50 Stunden. Um trotz der schlechteren Lebensbedingungen die Stimmung stabil zu halten, wurden die Löhne erhöht, verbesserte Arbeiter- und Mutterschutzgesetze erlassen und massive staatliche Wohlfahrtsleistungen gewährt. Obwohl zunehmend mehr Arbeitskräfte benötigt wurden, sahen die Nationalsozialisten in den ersten Kreigsjahren von einer allgemeinen Dienstpflicht ab. Anfangs deckten die Umschichtungen weiblicher Arbeiterinnen von "kriegsunwichtigen" Betrieben in die Land- und Kriegswirtschaft die Nachfrage. Doch erfüllten vor allem Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene den Arbeitskräftebedarf im Reich.

Den Alltag von Jugendlichen bestimmten Ernteeinsätze und Hilfsdienste. Das sollte die Opferbereitschaft für eine solidarische Volksgemeinschaft stärken. Dazu zählten Sammlungen für das "Winterhilfswerk", die "Schulaltstoffsammlungen", die "Metallspende" für die Rüstungsbetriebe und die Sammlung von Wollsachen für die Soldaten an der Ostfront.

Die Bevölkerung wird bei Laune gehalten

Propagandistisch stützten Radio, Bücher und Zeitschriften die Siegesmeldungen der Wehrmachtsberichte. Schlager und das Wehrmachtswunschkonzert sollten die Moral und Verbindung zwischen der Heimat und der Front stärken. Im Kino lenkten beliebte Filmstars die Menschen durch unpolitische Komödien und Unterhaltungsfilme von den Alltagssorgen ab.

Ab 1943 wendet sich das Blatt

Doch immer häufiger kam es zu Luftangriffen auf das Reich. Evakuierungsmaßnahmen wie die "Kinderlandverschickung" nahmen zu. Es gab weitere Einschnitte: Tanzlokale und Theater wurden geschlossen, Druckprodukte wegen Papiermangels eingestellt. Allein die Lichtspielhäuser blieben geöffnet. Zu wichtig waren die Kinos dem Regime zur Beeinflussung der Bevölkerung mit der Wochenschau und den nachfolgenden Unterhaltungsfilmen.

Enger Kellerraum, Tafel mit Zeichnungen. Jugendliche werden von einem jungen Soldaten unterrichtet. © dpa Detailansicht des Bildes Selbst 15-jährige Jungen mussten als Flakhelfer in den Krieg ziehen. Mit der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad im Februar 1943 und der Niederlage in Afrika wuchsen die Zweifel am "Endsieg", und die "Heimatfront" drohte instabil zu werden. Goebbels reagierte mit der Ausrufung des "Totalen Kriegs" im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943. Er sollte durch die Mobilisierung sämtlicher materiellen und personellen Ressourcen den "Endsieg" bringen. 15-Jährige mussten als "Luftwaffenhelfer" an die Front geschickte Flaksoldaten ersetzen. Und mit der Einberufung des "Volkssturms" im Herbst 1944 mussten auch Kinder und alte Männer an die Front.

Die "Heimatfront" wird zur Front

Doch die Alliierten standen im Westen und Osten bereits an der Reichsgrenze. Im Oktober 1944 wurde Aachen als erste deutsche Stadt besetzt. Nachdem die Alliierten die Reichsgrenzen überschritten hatten, verschmolzen Front und "Heimatfront". Millionen Deutsche fürchteten den "Feind", und die jahrelange Propaganda gegen die "Bolschewisten" und die Grausamkeiten der Roten Armee schien durch die Realität bestätigt zu werden. Die Ideologie von der "Heimatfront" sorgte mit dafür, dass die Kämpfe bis zur militärischen Niederlage am 8. Mai 1945 weitergingen.

Das Kriegsende bedeutete nicht das Ende der alltäglichen Not an der ehemaligen "Heimatfront". Hunger und die Folgen der Zerstörung des Krieges bestimmten für die nächsten Jahre den Alltag der Deutschen. Die Wirren des Zweiten Weltkrieges haben hunderttausende Familien auseinander gerissen. Jeder vierte Deutsche vermisst einen oder mehrere Angehörige.

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