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Pestarzt Dr. Chicogneau , 1720 /Kupferst. vor dem Nikolaifleet (Montage) © picture-alliance / akg-images Fotograf: akg-images, Oliver Dietrich
 

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Not und Elend: So wurde Hamburg SPD-Hochburg

von Oliver Diedrich

Theodor Yorck war Tischler. Er zieht 1855 von Breslau nach Hamburg - vermutlich weil er hörte, dass die Hansestadt Leute wie ihn gewähren lässt. Yorck veranstaltet Treffen, auf denen sich Arbeiter politisch bilden können, oder wenigstens erst mal Lesen und Schreiben lernen. Er versucht, eine Krankenkasse einzurichten. Ein Jahr lang hält Hamburg so einen damals aus - dann muss Yorck weiterziehen. Er geht nach Harburg, das zum Königreich Hannover gehört. Im April 1863 gründet Yorck den Harburger Allgemeinen Arbeiter-Verein. Und ein paar Wochen später reist er als Deputierter nach Leipzig. Yorck ist dabei, als sich am 23. Mai 1863 unter Ferdinand Lassalle der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gründet. Der Harburger wird sogar in den Vorstand gewählt.

150 Jahre später erinnert die SPD mit einem großen Festakt an Lassalle, Yorck und ihre Mitstreiter von damals. Die Gründung des ADAV gilt als Geburtsstunde der deutschen Sozialdemokratie.

90-Stunden-Woche, Kinderarbeit, Hungerlöhne

Mitte des 19. Jahrhunderts läuft in Deutschland die Industrialisierung auf Hochtouren. Das bedeutet zwar Arbeit für die rasch wachsende Bevölkerung. Doch die Bedingungen, unter denen viele Menschen ihren Unterhalt bestreiten, sind menschenunwürdig. Um eine Familie zu ernähren, schaffen Arbeiter oft 90 Stunden pro Woche. Frauen und Kinder müssen zu Hungerlöhnen mitverdienen. Trotzdem können sich viele Menschen nur winzige Wohnungen in engen und schmutzigen Gassen leisten. Die traditionellen Strukturen des Zusammenlebens haben sich im Zuge der Landflucht aufgelöst. In den rasch wachsenden Städten gibt es kaum Hilfe für Menschen, die durch Krankheit oder Unfall in Not geraten. Also gründen Arbeiter Selbsthilfevereine, so wie Theodor Yorck in Harburg.

Doch viel können sie nicht ausrichten. Rasch werden die Grüppchen wieder verboten. Hamburg ist damals zwar schon eine Arbeiterstadt - aber keine Stadt der Arbeiter. Die Männer, die die Schiffe im Hafen entladen oder in den Fabriken ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, die Frauen, die sie gesund pflegen - sie haben in der Hansestadt, wie in den meisten Teilen Europas, fast nichts zu sagen. Es gibt zwar inzwischen Parlamente und Wahlen - aber das Gewicht der Wählerstimmen hängt vom Einkommen ab.

Bebel: Hamburg ist Hauptstadt des deutschen Sozialismus

Aus dem "Bundeslied" des ADAV

Mann der Arbeit, aufgewacht
und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
wenn du, müde deiner Last,
in die Ecke stellst den Pflug.
Wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

(Georg Herwegh, 1863)

Hamburg entwickelt sich rasch zu einer Hochburg der neuen Bewegung. Das liegt zum einen an der schieren Zahl der Arbeiter und Klein-Handwerker, zum anderen an der im Vergleich zum benachbarten Preußen relativ liberalen Hamburger Politik. Die aktivsten Berufsgruppen im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sind in Hamburg Schneider, Tischler, Zigarrenarbeiter und Schumacher, wie die Historikerin Helga Kutz-Bauer beschreibt. 1868 kommen zu einer Generalversammlung des ADAV in Hamburg immerhin schon 6.000 Menschen.

1869 gründen August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Anfangs konkurrieren beide Gruppen. Es streiten die radikaleren SDAPler mit den gemäßigten ADAV-Mitgliedern, und es geht um die Frage, wie ein deutscher Nationalstaat aussehen könnte. Wenn die Anhänger aufeinander treffen, kommt es schon mal zu einer Schlägerei. Erst nach dem deutsch-französischen Krieg nähern sich die Fraktionen Anfang der 1870er-Jahre einander an. Eine wichtige Vermittler-Rolle spielt der Hamburger Buchhändler August Geib, der nacheinander beiden Gruppen angehört. 1875 schließen sich ADAV und SDAP zusammen - es entsteht die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), die sich 1890 umbenennt in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Hamburg wird erster Parteisitz. Denn: "Ist Berlin die Hauptstadt des Deutschen Reiches, so ist Hamburg die Hauptstadt des deutschen Sozialismus", stellt August Bebel damals fest.

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