Von Hamburg ans Ende der Welt

von Angela Hachmeister, NDR.de

26. Dezember 1842: In Hamburg gehen die letzten Passagiere an Bord der Bark "St. Pauli". Das Ziel ihrer Reise liegt fast 24.000 Kilometer entfernt: Nelson, eine gerade erst gegründete Siedlung in Neuseeland. Die 144 Frauen, Männer und Kinder sind die ersten deutschen Auswanderer, die sich auf den langen Weg ans andere Ende der Welt machen. Vor ihnen liegt eine fast sechs Monate dauernde Reise. Noch ahnen sie nichts von den Strapazen, die sie unterwegs und in der neuen Heimat erwarten. Und dass der Mann, der sie als Siedler geworben hat, sie skrupellos betrügen wird: Johann Beit, der deutsche "Auswanderungs-Agent" der New Zealand Company.

In ihren Werbeanzeigen hat die New Zealand Company nach Auswanderwilligen mit "Festigkeit, Entschlossenheit und einem heiteren Gemüt" gesucht. Neuseeland wird als ideales Ziel dargestellt. Auswanderungs-Agent Beit verspricht fruchtbares Ackerland, günstiges Klima und freundliche "Eingeborene". Er hat vor Reiseantritt von den Siedlern viel Geld für ein Stück Land in Nelson und die Schiffspassage kassiert. Die meisten Passagiere der "St. Pauli" stammen aus Norddeutschland, viele von ihnen sind Bauern und Handwerker. Sie alle wollen der Enge Deutschlands entfliehen und sich in dem kurz zuvor unter die britische Krone gestellten Neuseeland eine neue Existenz aufbauen.

Die "St. Pauli"

Die Bark wurde 1841 von der Werft Johann Marbs in Hamburg gebaut. Sie hatte eine Länge von 33,5 Metern und durfte offiziell 112 Erwachsene transportieren. Die Fahrt nach Neuseeland war die dritte große Reise der "St. Pauli". Anschließend verkehrte das Schiff vor allem zwischen Europa und Südamerika. Die "St. Pauli" wurde 1863 nach England verkauft und in "St. Paul" umbenannt. (Quelle: Seeschiffs-Verzeichnis der Hamburger Reedereien)

Stürme, Pocken und Todesfälle

Die Reise der "St. Pauli" beginnt stürmisch. Das Wetter ist so schlecht, dass das Schiff bis zum 4. Januar in der Elbmündung ankert. Kaum auf der Nordsee, gerät die Bark in einen schweren Sturm, der das Schiff vor die skandinavische Küste drückt. Zudem sind die Verhältnisse an Bord alles andere als komfortabel. Der Großteil der Passagiere kommt im dunklen und schlecht belüfteten Zwischendeck unter. Mitte Januar brechen an Bord Pocken aus, 20 Passagiere erkranken. Offenbar durch das schnelle Eingreifen des Schiffsarztes breitet die Krankheit sich nicht weiter aus.Trotzdem gibt es im Verlauf der Reise mehrere Todesfälle zu beklagen, vier Kleinkinder sterben. Aber auch ein freudiges Ereignisse ist dokumentiert: Am 25. Januar kommt auf der stürmischen Nordsee Peter Paul Beckmann zur Welt. Anfang Februar 1843 erreicht die "St. Pauli" durch den Ärmelkanal endlich den offenen Atlantik. Erst jetzt beginnt die Reise richtig.

Hochzeiten, Gottesdienste und ein despotischer Reiseleiter

Johann Nicholas Beit, Agent der New Zealand Company, warb deutsche Auswanderer an und begleitete sie 1842 nach Nelson in Neuseeland. (Zeichnung aus den 1880er-Jahren) © John Oxley Library Queensland Detailansicht des Bildes Verhasster Auswanderungs-Agent: Johann Beit betrog die Siedler um Land und Geld. Trotz der vielen Widrigkeiten ist die Stimmung an Bord optimistisch. Davon zeugen die Aufzeichnungen der Missionare Heine und Wohlers, die in Neuseeland die Ureinwohner, die Maori, zum Christentum bekehren wollen. Während der Überfahrt werden mehrere Ehen geschlossen. Die Missionare halten Gottesdienste unter freiem Himmel ab und unterrichten die Kinder im Lesen und Schreiben. Zum größten Ärgernis wird Johann Beit. Der Agent, der sich eigentlich um die Auswanderer kümmern soll, schikaniert Passagiere und Besatzung. Nur das Eingreifen der Missionare habe einen Aufstand der Passagiere gegen Beit verhindert, heißt es in ihren Aufzeichnungen.

Passagiere wollen Beit loswerden

Als die "St. Pauli" am 3. März 1843 im brasilianischen Bahia einläuft, um Wasser und Proviant für die Weiterreise aufzunehmen, reichen elf Männer beim deutschen Konsul ein offizielle Beschwerde gegen Johann Beit ein. Zur Strafe für das unerlaubte Verlassen des Schiffs lässt Beit sie bei der Rückkehr stundenlang in der sengenden Sonne an Deck sitzen. Beit wird tatsächlich abgesetzt, die Leitung der Reise jedoch einem seiner Söhne übertragen. Die Passagiere sind weiter den Launen des herrischen Mannes ausgesetzt. Am 27. März segelt die "St. Pauli" weiter Richtung Südosten. Vorbei am Kap der Guten Hoffnung steuert der Kapitän Peter Schacht die sogenannte Klipper-Route auf den "Roaring Fourties" an. Am 40. Breitengrad herrschen fast immer starke Westwinde. Durch den Indischen Ozean Richtung und die Bass-Straße zwischen Australien und Tasmanien nähern sich die Auswanderer im Juni schließlich dem Ziel ihrer Reise.

Dossier
Die Köhlbrandbrücke © fotolia Fotograf: Marco2811
 

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Hintergrund

Auswanderung nach Neuseeland

Neuseeland spielte bei deutschen Auswanderern nur eine untergeordnete Rolle. Zwischen 1843 und 1914 machten sich insgesamt etwa 10.000 Deutsche auf den Weg dorthin. Die meisten kamen aus Norddeutschland, Hessen und Westpreußen. Zum Vergleich: 70.000 bis 80.000 deutsche Auswanderer wählten in der gleichen Zeit Australien als neue Heimat. Und rund 85 Prozent aller deutschen Emigranten gingen in die USA. Dennoch waren die Deutschen in Neuseeland nach den Briten die größte Einwanderergruppe.

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