Frischer Wind: Simonis entert Männerbastion

von Levke Heed

Heide Simonis leistet 1993 den Amtseid als Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein. © picture-alliance / dpa Detailansicht des Bildes Am 19. Mai 1993 leistet Simonis im Kieler Landtag den Amtseid. Am 19. Mai 1993 rückt der Kieler Landtag in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses - und zwar weit über die Landesgrenzen Schleswig-Holsteins hinaus: Mit 46 von 88 Stimmen wird Heide Simonis zur Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein gewählt und ist damit die erste Frau an der Spitze eines Bundeslandes.

Als Landtagspräsidentin Ute Erdsieck-Rave um 15.31 Uhr das Ergebnis verkündet, gehen ihre Worte im Jubel der SPD-Fraktion fast unter. "Mut, Glück und weibliche Stärke", wünscht Erdsieck-Rave der Frischgekürten.

Neben den Sozialdemokraten stimmt auch Karl Otto Meyer vom Südschleswigschen Wählerverband (SSW), Vertreter der dänischen Minderheit, für Simonis. Erster Gratulant ist ihr Vorgänger Björn Engholm. Er war zuvor wegen einer Falschaussage im Untersuchungsausschuss über die Barschel-Affäre zurückgetreten.

Glückwünsche von Kanzler Kohl

"Schleswig-Holstein wird es nicht leicht haben. Aber wir werden es zusammen schaffen", erklärt Simonis nach ihrer Wahl. Glückwunsch-Telegramme von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), SPD-Fraktionschef Hans-Ulrich Klose und Henning Voscherau (SPD), dem Ersten Bürgermeister Hamburgs, erreichen die frischgebackene Ministerpräsidentin. "Was ich die letzten 14 Tage erlebt habe, war der helle Wahnsinn. Ich bin mir vorgekommen wie eine zweiköpfiges Monster. An einem Tag habe ich fünf Stunden lang nonstop Interviews gegeben", erinnert sich Simonis in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" nach ihrem Amtsantritt.

Kabinettsliste sorgt für jede Menge Kritik

Das schleswig-holsteinische Landeskabinett von 1993 um Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD, 1. Reihe, 2. v.l) © picture alliance Fotograf: Wolf-Dieter Pfeiffer Detailansicht des Bildes Die Kabintettsliste von Simonis wird von Opposition und Presse heftig kritisiert. Bei der Vergabe der Kabinettsposten gibt es reichlich Gegenwind für Simonis. "Fehlstart", "Reise nach Jerusalem" oder "Chance verpasst" sind die Reaktionen von Opposition und Presse. Vor allem für ihre Entscheidung, Wirtschaftsminister Uwe Thomas nicht in ihr neues Kabinett zu übernehmen, muss Simonis viel Kritik einstecken. "Persönliche Differenzen" gibt sie als Grund an. Nachfolger wird Peer Steinbrück.

Auch der Verbleib des parteilosen Umweltministers Berndt Heydemann stößt auf Unverständnis. FDP-Fraktionschef Kubicki spricht von einer "völlig desaströsen Kabinettliste". Dies sei der Grund, warum die Liberalen bei der Wahl zur Ministerpräsidentin gegen Simonis gestimmt hätten. Die heftige Kritik ist vermutlich der Grund, warum Simonis eine bereits angekündigte Regierungserklärung kurzfristig absagt.

Das Kabinett Simonis

Gerd Walter: Bundesangelegenheiten und Europa
Gisela Böhrk: Frauen, Bildung, Weiterbildung, Sport
Hans Peter Bull: Inneres
Klaus Klingner: Justiz
Claus Möller: Finanzen und stellvertretender Ministerpräsident
Peer Steinbrück: Wirtschaft
Hans Wiesen: Landwirtschaft
Heide Moser: Soziales
Marianne Tidick: Wissenschaft, Forschung, Kultur
Berndt Heydemann: Umwelt

Wie streitet man mit einer Präsidentin?

Leidenschaftliche Hutträgerin: Heide Simonis mit Ehemann Udo. © dpa Fotograf: Wulf Pfeiffer Detailansicht des Bildes Simonis - hier mit Ehemann Udo - ist leidenschaftliche Hutträgerin. Die Presse berichtet gern über ihr modisches Outfit. Nicht nur Simonis selbst muss sich erst in ihrer neuen Rolle zurechtfinden. Auch die Medien und die Parteien fragen sich, wie man mit einer Frau in dieser Position umgeht und wie man über sie berichtet ? Während die Presse sich zunächst einmal auf die Äußerlichkeiten wie Hüte und Ringe der Frau Ministerpräsidentin stürzt, muss die Opposition noch das Streiten üben: "Sie ist eine Dame. Das setzt möglichen Attacken gewisse Grenzen", sagt CDU-Politiker Ottfried Henning in einem Interview. "Heide Simonis kann eben das, was Männer können, und was Frauen können, kann sie auch", erklärt Ministerin Gisela Böhrk einmal in einem Interview über ihre Chefin.

Erste Frau der SPD im Haushaltsausschuss

Heide Simonis tritt 1969 der SPD bei. Von 1971 bis 1976 ist sie Ratsherrin in Kiel. 1976 gewinnt sie den Wahlkreis Rendsburg-Eckernförde. Dabei setzt sie sich gegen den populären Bauernverbandspräsidenten Karl Eigen durch und ist das jüngste Mitglied im Deutschen Bundestag. Sie wird von ihrer Partei in den Haushaltsausschuss entsandt - als erste Frau der SPD-Fraktion. Über elf Jahre gehört sie dem Ausschuss an.

1988 wird sie von Björn Engholm als Finanzministerin nach Kiel berufen. Sie übernimmt eine schweres Amt, denn die Schulden des Landes sind auf Rekordniveau. Schnell macht sie sich einen Namen als knallharte Haushaltspolitikerin - auch als Verhandlungsführerin der öffentlichen Arbeitgeber für die Tarifverträge im öffentlichen Dienst. "Ich sitzte wie eine Glucke auf fremden Geld", ist einer ihrer Wahlsprüche.

Der "Heide-Mörder" bringt das politische Ende

Heide Simonis nach der Ministerpräsidentenwahl 2005 in Kiel © picture-alliance/ dpa/dpaweb Fotograf: Wulf Pfeiffer Detailansicht des Bildes Wer Heide Simonis die Stimme verweigerte, ist bis heute nicht bekannt. Höhepunkt ihrer Karriere ist dann der Posten der Ministerpräsidentin ab 1993. 1996 verliert die SPD die absolute Mehrheit, bildet mit den Grünen aber eine Koalition, an deren Spitze Simonis steht. 2000 wird die Regierung bestätigt. Bis 2005 bleibt sie im Amt, dann kommt das spektakuläre politische Ende. Ein Abgeordneter verweigert Simonis nach der Landtagswahl die Gefolgschaft. In vier Wahlgängen erreicht Simonis keine Mehrheit. Peter Harry Carstensen (CDU) beerbt Simonis. Wer der "Heide-Mörder" ist, ist bis heute öffentlich nicht bekannt.

Lebenslauf

Heide Simonis (geb. Steinhardt) wird am 4. Juli 1943 in Bonn geboren. 1967 beendet sie ihr Studium erfolgreich mit dem Abschluss Diplom-Volkswirtin. Im gleichen Jahr heiratet sie ihren Kommilitonen Udo Ernst Simonis.

1969 tritt Heide Simonis der SPD bei. Es folgen Abstecher nach Sambia und Japan, bevor sie ab 1972 als Berufsberaterin beim Arbeitsamt in Kiel angestellt wird. Von 1971 bis 1976 ist Simonis in der Kieler Ratsversammlung.

1976 zieht sie in den Bundestag ein. Hier ist sie finanzpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. 1988 wird sie Finanzministerin in Schleswig-Holstein, 1993 Ministerpräsidentin. 2005 scheitert ihre Wiederwahl. Sie beendet ihre politische Karriere. Bis 2008 engagiert sie sich bei UNICEF.

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Hintergrund
Plenarsaal des Landeshauses in Kiel © dpa Fotograf: Wulf Pfeiffer
 

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Heide Simonis (Archivbild vom 27.06.2006) © dpa Fotograf: Gero Breloer
 
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