Matrosenaufstand und Novemberrevolution
Von Wilhelmshaven und Kiel aus erfasste die Revolution im November 1918 das gesamte Deutsche Reich. mehr
Es war ein sinnloser Befehl: "Die Hochseeflotte erhält die Weisung baldigst zum Angriff auf die englische Flotte vorzugehen." Am 29. Oktober 1918 sollten die in Wilhelmshaven stationierten Schiffe der kaiserlichen deutschen Marine auslaufen in eine letzte Schlacht mit der überlegenen Royal Navy. Kurz vor Kriegsende - die Reichsregierung verhandelte bereits mit den Alliierten über einen Waffenstillstand - sollte die Flotte in den "ehrenvollen Untergang" geschickt werden.
Demonstrierende Matrosen in Wilhelmshaven am 5. November 1918.
Dabei war der Erste Weltkrieg längst entschieden: Nach endlosem Stellungskampf an der Westfront waren die deutschen Soldaten in den Schützengräben in Frankreich und Belgien erschöpft und kriegsmüde, die Armeeführung musste ihre Stellungen immer weiter zurückziehen. Bereits im Sommer 1918 hatte die Oberste Heeresleitung die Situation als aussichtslos erkannt, Ende September forderte sie die Reichsregierung auf, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Die Öffentlichkeit war von der Nachricht überrascht: Bisher hatte die Propaganda stets verkündet, dass ein "Siegfrieden" noch immer möglich sei.
Die Marineoffiziere wollten ihre soldatische Ehre verteidigen. Gerade die Flotte, ganzer Stolz der deutschen Armee, hatte nicht zu einer Entscheidung im Ersten Weltkrieg beitragen können - meist hatten die Panzerkreuzer und Korvetten im Hafen gelegen. Dabei hatten Wilhelm II. und sein Großadmiral Alfred von Tirpitz die Flotte in bewusster Konkurrenz zur britischen Marine aufgebaut, sie verkörperte wohl am deutlichsten den Weltmachtanspruch des deutschen Kaiserreichs: "Einen Platz an der Sonne" hatte der zu martialischen Gesten neigende Monarch gefordert - Kolonien und einen gleichberechtigten Status neben den Weltmächten England und Frankreich.
Matrosen nach der Befreiung von Gefangenen vor dem Gefängnis in Wilhelmshaven am 6. November.
Doch die einfachen Matrosen wollten nicht für den Ehrenkodex ihrer Offiziere in ein Himmelfahrtskommando auslaufen. Auf den Schlachtschiffen des I. und III. Geschwaders der Marine in Wilhelmshaven regte sich Widerstand: In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober löschten die Heizer die Heizkessel, die Matrosen verweigerten die Befehle. Schnell erkannte die Marineleitung, dass an ein Auslaufen nicht zu denken war. Die Mannschaften hielten die Schiffe besetzt. Am 31. Oktober gaben die Meuterer auf und ließen sich widerstandslos festnehmen.
Einen Teil der Gefangenen brachte die Militärführung im Gefängnis in Wilhelmshaven unter, einige Matrosen und Heizer schickten die Verantwortlichen nach Kiel. Ein strategischer Fehler, wie sich bald herausstellte: In Kiel solidarisierten sich Schiffsbesatzungen und Dockarbeiter mit den Gefangenen. Aus der Befehlsverweigerung der Matrosen in Wilhelmshaven wurde ein Aufstand in Kiel. Dort suchten die meuternden Matrosen bald den Kontakt zu Vertetern von SPD und USPD. Lothar Popp und Karl Artelt, beide Vertreter der USPD, übernahmen die Führung des inzwischen gegründeten Kieler Arbeiter- und Soldatenrates. (Audio: Lothar Popp erinnert sich) Als am 3. November Militäreinheiten auf einen Demonstrationszug in Kiel schossen, starben sieben Demonstranten, 29 wurden verletzt. Die Nachricht von den Schüssen auf die Matrosen verbreitete sich schnell. In den nächsten beiden Tagen erreichte sie alle Flottenstützpunkte an der Küste.
Gustav Noske als Beauftragter der Reichsregierung spricht zu den U-Boot-Mannschaften in Kiel am 5. November 1918.
Die Reichsregierung in Berlin versuchte, die beginnende Revolution unter Kontrolle zu halten. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Gustav Noske reiste in Begleitung von Staatssekretär Conrad Haußmann nach Kiel. Die Arbeiter und Soldaten, die inzwischen Räte gebildet hatten, begrüßten den SPD-Mann und wählten ihn am 5. November zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates von Kiel.

Philipp Scheidemann (SPD) ruft am 9. November 1918 vom Balkon des Berliner Reichstags die Republik aus. Historische Originalaufnahme der Rede.
Doch der Funke der Revolution war bereits vom Norden auf das gesamte Reichsgebiet übergesprungen. Am 7. November erreichte die Revolution München, als erster deutscher Fürst musste Ludwig III. von Bayern abdanken. Auch in der Reichshauptstadt gärte es. Am 9. November überschlugen sich dort die Ereignisse: Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündete die Abdankung von Wilhelm II. - ohne dessen Einverständnis. Der Monarch floh ins niederländische Exil, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1941 lebte. Am Nachmittag rief der SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann vom Balkon des Berliner Reichstagsgebäudes die Republik aus.
Karl Liebknecht bei seiner letzten Rede am 4. Januar 1919 in Berlin.
Dass Karl Liebknecht, Mitgründer der Kommunistischen Partei, wenig später im Tierpark die sozialistische Republik verkündete, verwies bereits auf den weiteren Verlauf der deutschen Revolution vom November 1918: Für die SPD war mit der Abdankung des Kaisers, der Einführung des allgemeinen und freien Wahlrechts und der Grundsteinlegung für eine Republik das politische Ziel erreicht. Reichskanzler Friedrich Ebert und die Genossen der Mehrheits-SPD suchten den Ausgleich mit den tragenden Schichten des Kaiserreichs - die Rückkehr zu Ruhe und Ordnung war für die neue Regierung von nun an oberstes Gebot.
Die radikaleren Anhänger der unabhängigen Sozialdemokraten und der von Liebknecht und Rosa Luxemburg angeführten KPD wollen die Revolution nach sowjetischem Vorbild vollenden. Mit dem Spartakus-Aufstand im Januar 1919 fand ihr Vorhaben ein blutiges Ende: Der inzwischen zum Reichswehrminister ernannte Gustav Noske verbündete sich mit den teils reaktionären Freikorps, um die Unruhen niederzuschlagen. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von den Korps-Soldaten umgebracht.
Soldaten mit einer Roten Fahne fahren durch das Brandenburger Tor, 9. November 1918.
Auf der Weimarer Republik, deren Verfassung am 11. August 1919 feierlich verabschiedet wurde, lastete eine schwere Hypothek: Sie erbte vom Kaiserreich eine tief geteilte Gesellschaft mit großen inneren Gegensätzen, weite Teile der Gesellschaft links wie rechts waren gegen die Republik. Der Aufstand der Matrosen diente den reaktionären politischen Kräften zur "Dolchstoßlegende", die entgegen der historischen Tatsachen besagte, dass der Krieg für Deutschland noch nicht verloren gewesen sei, als die Matrosen aufbegehrten. Auch Hitler sollte sich später darauf beziehen, um den erneuten Griff zu den Waffen im Zweiten Weltkrieg zu rechtfertigen.
Der deutschen Flotte, dem Stolz des Kaiserreichs, stand ein unrühmliches Ende bevor: Von der Royal Navy in der Bucht von Scapa Flow auf den Orkney Inseln interniert, versenkte sich die Flotte im Juni 1919 selbst.