Die Sülze-Unruhen in Hamburg
Eine "Delikatess-Sülze" aus verschimmelten Tierkadavern sorgt 1919 für blutige Ausschreitungen. mehr
Zehntausende feiern die Mobilmachung auf dem Hamburger Rathausmarkt.
Hamburg, Rathausmarkt, am späten Nachmittag des 31. Juli 1914: Infanterie-Soldaten des Regiments Hamburg marschieren durch die Alstermetropole. An ihrer Spitze: ein Offizier zu Pferde, der auf allen öffentlichen Plätzen haltmachen lässt und die Verhängung des sogenannten Belagerungszustandes verkündet, die letzte Vorstufe zum Krieg. Bereits drei Tage zuvor ist Österreich-Ungarn gegen Serbien in den Krieg gezogen, ein inoffiziell und unter größter Geheimhaltung mit Berlin abgestimmtes Vorgehen. Serbiens größter Verbündeter, Russland, soll zur Mobilmachung gezwungen werden, was, wie vorhergesehen, auch geschieht. Öffentlichkeitswirksam scheint sich damit zu bestätigen, dass ein Angriff Russlands unmittelbar bevorstehe. Die Deutschen glauben, in einen gerechten Verteidigungskrieg zu ziehen. Am Morgen des 1. August beginnt dann um sechs Uhr früh in ganz Deutschland die Generalmobilmachung, und Russland wird offiziell der Krieg erklärt. Der 1. Weltkrieg, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", hat begonnen.
In den Sommertagen im Juli und August 1914 machte sich zunächst Kriegsbegeisterung breit. Ein rauschhafter, kollektiver Nationalismus, der später als "Augusterlebnis" mystifiziert wurde, erfasste weite Teile der Bevölkerung. So auch die Hamburger Bürger, die im vornehmen "Alsterpavillon" am Jungfernstieg zusammenkamen. Wie die "Hamburger Nachrichten" berichteten, musste "die Kapelle ohne Unterlass spielen, und dann drangen die Töne von 'Deutschland, Deutschland über alles' wie Donnerhall und Donnerbrausen an das Ohr derer, die draußen warten mussten, weil drinnen auch nicht für einen Menschen mehr Platz gewesen wäre". In fast allen norddeutschen Städten spielten sich derartige Szenen spontaner Kriegseuphorie ab.
Zur nationalistischen Hysterie gehörten allerdings von Anfang an auch karnevaleske Szenen, Rowdytum und brutale Gewalt. Selbst der Wirt des Alsterpavillons blieb davon nicht verschont: Als er das bereits mehrfach wiederholte laute Vorlesen eines Extrablattes durch einen Gast unterbinden wollte, wurde er von der aufgebrachten Menge krankenhausreif geschlagen, während sich das Café in einen Scherbenhaufen verwandelte. Die anrückende Polizei musste die Säbel ziehen, um die "Schlacht am Jungfernstieg" zu unterbinden. Ähnliches wiederholte sich in Kiel: Als dort am 28. Juli die Kaiserhymne erklang, verprügelten Studenten andere Cafégäste, die nicht spontan aufstanden, mitsangen und "Hurra!" brüllten.
Theodor Lessing wurde wegen seines Bartes für einen russischen Spion gehalten.
Am Bremer Hauptbahnhof reichte am 4. August 1914 das Rufen der Parole "Haltet den Spion!", um eine Massenpsychose auszulösen, in deren Folge ein Mann von einem fanatisierten Mob fast zu Tode getreten wurde. Als die Polizei das Opfer schließlich schwer verletzt befreien konnte, stellte sich heraus, dass er ein deutscher Soldat auf dem Weg zu seiner Einheit war. Den Hannoveraner Philosophie-Professor Theodor Lessing, der am gleichen Tag wegen seines langen Bartes auf einem Bahnsteig als "russischer Spion" verhaftet wurde, rettete schließlich nur ein preußischer Offizier, der sich als sein ehemaliger Student entpuppte. "Wie viel Missbrauch, wie viele Bosheiten, Racheakte, Bestialitäten wurden in diesen grässlichen Tagen geübt", notierte Lessing später, "keiner war seines Lebens sicher."
So wurden in den ersten Augusttagen allein 28 Zivilisten an wilden Straßensperren erschossen, weil das Gerücht kursierte, französisches Gold würde mit Autos von Frankreich nach Russland geschmuggelt. Ein Polizeipräsident sprach von einem "Narrenhaus", in dem "die Einwohnerschaft" anfange, verrückt zu werden: "Jeder sieht in seinem Nebenmenschen einen russischen oder französischen Spion und meint die Pflicht zu haben, ihn und den Schutzmann, der sich seiner annimmt, blutig zu schlagen. Wolken werden für Flieger, Sterne für Luftschiffe, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten und Spione standrechtlich erschossen. Es ist nicht abzusehen, wie sich das alles gestalten soll, wenn die Zeiten wirklich einmal schwieriger werden."