Moderner Erlebnispark: Die Autostadt Wolfsburg
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Am 5. August 1955 wurde in Wolfsburg der millionste Käfer gefeiert.
Sein Erfolg begann in der Nachkriegszeit: Mitten im Wirtschaftswunder-Deutschland lief unter lautem Medienrummel der millionste Käfer bei Volkswagen in Wolfsburg vom Band, Anfang der Siebziger erreichte das kugelige Auto achtstellige Produktionszahlen und war damit der meistgebaute Pkw der Welt. Am 30. Juli 2003 hat Käfer Nummer 21.529.464 in Mexiko das Band verlassen - er war der Letzte seiner Art. Dennoch scheint der Kultstatus des kleinen VW ungebrochen.
Der Beginn der außergewöhnlichen Industriegeschichte liegt mehr als ein Dreivierteljahrhundert zurück. Am 17. Januar 1934 verfasste der Ingenieur Ferdinand Porsche sein "Exposé betreffend den Bau eines deutschen Volkswagens": Die Idee war geboren. Bis heute bleibt die Nostalgie.
Ähnlich wie beim Radio-"Volksempfänger" schwebte der NS-Führung Anfang der 30er-Jahre ein Auto für das Volk vor - zum Ärger der Autoindustrie, die ihre Absatzchancen gefährdet sah. Das Auto sollte nach den Ideen von Ferdinand Porsche, der den Bauauftrag bekam, vier Personen Platz bieten, 100 Kilometer pro Stunde erreichen, 30-prozentige Steigungen erklettern, verschiedene Aufbauten tragen und nicht mehr als 1.000 Reichsmark kosten.
1936 fuhren die ersten drei Autos, die von Hitler ein Jahr später den Namen "KdF-Wagen" (KdF = Kraft durch Freude) bekamen. Mit dem Geld vieler Tausend Sparer, die auf einen Volkswagen hofften, wurde im Flecken Fallersleben bei Braunschweig eine Fabrik aus dem Boden gestampft: das spätere Wolfsburg. Doch der Zweite Weltkrieg machte die Pläne zunichte: Anstatt der angekündigten 500.000 Modelle jährlich wurden nur wenige Volkswagen gebaut. Stattdessen montierten Deutsche und Zwangsarbeiter in dem Werk Flugzeugteile, Granaten und stellten den auf VW-Technik basierenden Kübelwagen her.
1953 wurde der Käfer bereits in 88 Länder exportiert.
Nach dem Krieg ließ die britische Besatzungsmacht die Autoproduktion wieder anfahren. Das zu großen Teilen durch Bomben zerstörte Werk wurde wieder aufgebaut. Der Käfer sollte als Dienstfahrzeug für Armee und Verwaltung dienen. Doch dabei blieb es nicht. Das Rundauto war der Wagen, nach dem die schwierige Zeit verlangte: billig, einfach zu reparieren, zuverlässig. 1946 wurden 10.000 Stück hergestellt, 1948 schon 20.000, 1950 waren es 90.000.
Firmenchef Heinrich Nordhoff erkannte, dass der noch schwache deutsche Markt allein nicht reichen würde. So begann bereits 1947 der Export einiger Exemplare in die Niederlande, 1949 erreichten die ersten Käfer die USA - jenes Land, dem das deutsche Auto überhaupt seinen Namen verdankt. "Beetle" nannten ihn die Amerikaner - zu deutsch: Käfer. Werksintern war der Kosename übrigens immer verpönt, man sprach vom "Typ 1".
Ende 1953 wurde der Wagen schon in 88 Länder exportiert. Zwei Jahre später, am 5. August 1955, lief das millionste Exemplar vom Band. Die Produktion eilte von Rekord zu Rekord: 1957 die zweite Million Käfer, 1959 die dritte. Immer weiter feilten die Ingenieure in Wolfsburg am buckligen Gefährt: größere Heckfenster, 12-Volt-Elektrik, stärkere Motoren und mehr.
Anfang der 70er-Jahre war der Käfer das meistverkaufte Auto der Welt.
Als die erste Nachkriegsrezession 1966/67 das Ende des Wirtschaftswunders ankündigte, erlebte auch VW seine erste Absatzkrise. Technisch hatte sich der "Buckel-Porsche" totgelaufen: Die Luftkühlung kam an ihre Grenzen, das Fahrverhalten des Heckmotors wurde bei immer höheren Geschwindigkeiten gefährlich, der Stauraum war zu klein. Die Verkaufszahlen gingen allerdings nicht schlagartig zurück, weshalb VW in eine Sackgasse steuerte, denn technisch moderne Wagen schafften es nicht ins Programm.
Die Wende schaffte der Konzern 1974 mit dem Golf. Der Käfer selbst lief derweil noch munter weiter: Am 17. Februar 1972 rollte der 15.007.034. Käfer vom Band - damit war das Model T von Ford überholt. Der Käfer war einige Jahre lang meistverkaufte Wagen der Welt.
Und er mauserte sich mit den Jahren zum Filmstar. In Krimis gingen in speziell lackierten Modellen mit Blaulicht Polizisten auf Verbrecherjagd. Er war zugleich Symbol für den erreichten Wohlstand, der die Reiselust der Deutschen beflügelte. Mit dem Käfer ging es über den Brenner nach Italien. "In ihn kann sich jeder setzen, ohne befürchten zu müssen, dadurch seiner Umwelt tiefere Einblicke in seine persönlichen Verhältnisse zu gewähren ...", urteilte das deutsche Motor-Magazin "auto motor und sport" im Juli 1971 über den kugeligen Kleinwagen.
Die "buckligen Pioniere" prägten lange das Bild auf deutschen Straßen.
1978 lief der letzte VW-Käfer aus deutscher Produktion im Werk Emden vom Band. Doch so schnell war die Ikone des Automobilbaus nicht totzukriegen: Die Käfer-Herstellung wurde zunächst ins Werk Brüssel verlegt, dann vor allem nach Mexiko. Nach 1980 belieferte das mexikanische VW-Werk in Puebla den europäischen Markt, bis Volkswagen 1985 in Europa den offiziellen Verkauf des Käfers einstellte.
In Brasilien und Mexiko, wo der Käfer eine ähnlich hohe Bedeutung für die Motorisierung hatte wie in Deutschland, fand das Auto noch länger guten Absatz. Das letzte Exemplar lief erst am 30. Juli 2003 in Mexiko vom Band, es war Käfer Nummer 21.529.464. Da besaß das Auto schon längst Kultstatus. In Deutschland sind heute noch rund 50.000 Käfer unterwegs, trotz hoher Steuern, schlechter Abgaswerte, Rostbefall und klammer Finger im Winter wegen der schlechten Heizung.
Käfer reloaded - Der VW "Up" mit Heckmotor.
Seit 1997 will VW mit dem "New Beetle", also dem neuen Käfer, an alte Zeiten anknüpfen. Der Wagen im an den Käfer angelehntem Retrodesign, aber größer und mit anderen Extras, soll ebenfalls zum Kultmobil werden. Auch eine andere Eigenheit des ursprünglichen Käfers scheint der VW-Konzern wiederzubeleben: 75 Jahre nach der Heckmotor-Idee von Ferdinand Porsche plant VW mit dem "Up" ein kleines, billiges Auto mit Heckmotor, das vier Personen Platz bieten sollen.