Stand: 14.06.2013 13:54 Uhr
Vor 60 Jahren: Aufstand gegen das DDR-Regime
Anfang der 1950er-Jahre erlebt die Bundesrepublik ein Wirtschaftswunder, der Wohlstand in der Bevölkerung wächst. In der DDR dagegen ist vier Jahre nach ihrer Gründung die wirtschaftliche Lage schlecht. Es droht eine Versorgungskatastrophe. Um diese abzuwenden, beschließt das SED-Regime am 28. Mai 1953, die Arbeitsnormen um 10,3 Prozent zu erhöhen. Für die Arbeiter bedeutet das: mehr Arbeit bei gleichem Lohn. Am 16. Juni kommt es in Berlin zu ersten Protesten. Rund 10.000 Menschen fordern die Regierung auf, die Normenerhöhung zurückzunehmen und rufen zum Generalstreik am nächsten Tag auf.
17. Juni 1953: Aufstand gegen das DDR-Regime
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Juni 1953: Kurz vor Beginn des Volksaufstands in der DDR rufen Arbeiter zum Generalstreik auf. Sie wollen gegen die schlechte Lebensbedingungen und den harten stalinistischen Kurs der SED-Führung protestieren.
Schon am 16. Juni kommt es in Ost-Berlin zu ersten Demonstrationen. Die Menschen wehren sich gegen die von der Regierung beschlossene Erhöhung der Arbeitsnormen. Demnach sollen die Arbeiter für gleichen Lohn mehr arbeiten, um die wirtschaftliche Situation der DDR zu verbessern.
Am 17. Juni weiten sich in Ost-Berlin und anderen DDR-Städten die Proteste zum Volksaufstand aus. Überall gehen die Menschen auf die Straße und fordern bessere Lebensbedingungen. Der Volkszorn entlädt sich: Am Potsdamer Platz steht schon bald ein Zeitungskiosk in Flammen.
Am Mittag des 17. Juni stürmen die Aufständischen
das nebenan gelegene Columbus-Haus. Dort hat die Volkspolizei ihren Sitz. Die Demonstranten setzen das Gebäude in Brand.
Von Berlin aus greift der Aufstand auch auf andere Regionen über. In rund 700 Städten und Gemeinden der DDR kommt es zu Protesten. In Leipzig stecken Demonstranten einen Pavillon auf dem Marktplatz in Brand.
Das SED-Regime und die sowjetischen Besatzer reagieren mit aller Härte. Noch am selben Tag rollen Panzer durch Ost-Berlin, um den Aufstand niederzuschlagen.
Die Sowjets verhängen für Ost-Berlin und die Mehrzahl der DDR-Landkreise den Ausnahmezustand. Verzweifelt wehren sich die Menschen gegen die anrückenden Panzer. So auch dieser Demonstrant in Ost-Berlin: Mit einem Holzknüppel schlägt er auf einen Panzer ein.
Gegen die anrückende Sowjetmacht haben die Aufständischen, dir nur mit Pflastersteinen bewaffnet sind, keine Chance. Es beginnt eine erste Verhaftungswelle: Rund 6.000 Menschen werden festgenommen.
Viele Ostberliner Arbeiter fliehen vor der heranrückenden Volkspolizei in den Westsektor. Dort hat die DDR-Staatsmacht keinen Zugriff.
Auch dieser Demonstrant ist in den Westen geflohen. Dort kommt er mit einem Streifschuss an der Wange sowie einem Steckschuss an der Schulter in ein Krankenhaus. Insgesamt werden mehrere Hundert Menschen verletzt.
Die Unruhen fordern auch etliche Todesopfer. Bereits am Vormittag des 17. Juni stirbt Berichten zufolge ein Eisenbahner. Er wird von einem sowjetischen Panzerspähwagen überrollt. Demonstranten errichten an der Stelle spontan ein provisorisches Holzkreuz aus Latten.
Rund 120 Menschen kommen bei den Aufständen des 17. Juni ums Leben - so auch dieser Berliner, der von anderen Demonstranten fortgetragen wird. Wie viele Menschen genau sterben, ist bis heute ungewiss.
Die DDR-Führung deutet die Ereignisse zum "faschistischen Putschversuch" um. Dieses Bild gibt sie für die Presse frei: Es zeigt einen sowjetischen Panzer auf dem Jenaer Holzmarkt, friedlich umringt von den Menschen - von gewalttätiger Niederschlagung nichts zu sehen.
Die DDR-Führung deutet die Ereignisse zum "faschistischen Putschversuch" um. Dieses Bild gibt sie für die Presse frei: Es zeigt einen sowjetischen Panzer auf dem Jenaer Holzmarkt, friedlich umringt von den Menschen - von gewalttätiger Niederschlagung nichts zu sehen.
Ein Volk steht auf gegen seine Führung
In Ost-Berlin stürmen die Demonstranten das DDR-Verwaltungsgebäude Columbus-Haus und legen dort Feuer.
Am 17. Juni bricht ein Volksaufstand aus, der die gesamte DDR ergreift. Ohne zentrale Koordination versammeln sich in 701 Städten und Gemeinden der DDR über eine Million Menschen, zahlreiche Betriebe werden bestreikt. Die Forderungen der Demonstranten gehen bald weit über die Zurücknahme der Arbeitsnormen hinaus: Sie verlangen unter anderem freie Wahlen, den Rücktritt der SED-Regierung, den Abzug der Sowjet-Truppen und die Wiedervereinigung. In Berlin und anderen Städten, vor allem im industriellen Süden der DDR, kommt es zu schweren Auseinandersetzungen: Aufgebrachte Menschenmengen stürmen Parteihäuser, Stadtverwaltungen und Gefängnisse. SED-Chef Walter Ulbricht und DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl fliehen in das Hauptquartier der Sowjets nach Berlin-Karlshorst.
Proteste auch im Nordosten der DDR
Proteste auch in Mecklenburg: In Warnemünde fordern Arbeiter der Warnow-Werft freie Wahlen.
Auch im Nordosten streiken die Arbeiter. In Wismar sind es rund 1.400 Menschen, in Stralsund am 18. Juni mehr als 2.000. Auf der Warnow-Werft in Warnemünde versammeln sich die Arbeiter und fordern neben der Rücknahme der Arbeitsnormen freie Wahlen und die deutsche Einheit. Ein Polizeibericht vom 18. Juni 1953 belegt, dass auch in Rostock fast alle Arbeiter die Arbeit niederlegen. Darin heißt es: "Um 1.55 Uhr arbeiteten nur noch zwei Prozent der Belegschaft."
Regime und Sowjetunion gehen mit Gewalt gegen Aufständische vor
Wie hier in Ost-Berlin fahren bereits am Nachmittag des 17. Juni in vielen DDR-Städten Panzer auf, um die Aufstände niederzuschlagen.
SED-Führung und sowjetische Besatzungsmacht schlagen mit aller Härte gegen die Aufständischen zurück. Gegen 13 Uhr verhängen die Sowjets in Berlin und weiten Teilen des Landes das Kriegsrecht. Panzer rollen auf, der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Etwa 120 Menschen sterben, allein 18 Demonstranten werden standrechtlich erschossen. Mehrere Hundert Menschen werden verletzt, rund 6.000 verhaftet. Bis Januar 1954 ergehen allein durch DDR-Gerichte 1.524 Zuchthausurteile und zwei Todesstrafen. Die Zahl der Urteile durch das sowjetische Militärtribunal ist noch höher. Genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt.
17. Juni wird zum "Tag der deutschen Einheit"
Während die DDR-Führung den Volksaufstand vom 17. Juni zu einem "kontrarevolutionären Putsch" umdeutet, wird er in der westlichen Welt zum Symbol für den Freiheitswillen der DDR-Bevölkerung. Schon wenige Tage nach dem Aufstand wird er in der Bundesrepublik zum Gedenktag erklärt und ab 1954 als "Tag der deutschen Einheit" bis zur Wiedervereinigung 1990 als gesetzlicher Feiertag begangen.