Weitere Skandale
Das als 'Celler- Loch' bekanntgewordene Mauerstück in der Celler Justizvollzugsanstalt. © dpa - Fotoreport
 

"Celler Loch" - Beamte verüben Anschlag

Staatsbeamte täuschen 1978 in Celle einen Terroranschlag vor. mehr


Nichts geht mehr: Die Spielbankaffäre 1988

Hat die CDU Stimmen gekauft und heimlich in Kasinos mitverdient? mehr

 

1983: Der Skandal um die Hitler-Tagebücher

von Helene Heise

Gerd Heidemann präsentiert auf der Pressekonferenz des Hamburger Magazins''Stern'' am 25. April 1983 die vermeintlichen ''Hitler-Tagebücher''. © Chris Pohlert, dpa Detailansicht des Bildes Gerd Heidemann auf der Pressekonferenz des Magazins "Stern" am 25. April 1983. "F.H.! Was soll das denn heißen? Führer Hitler? Führers Hund? Führer Hauptquartier? Fritze Hitler hat er ja wohl nicht geheißen!" Regisseur Helmut Dietl konnte 1991 für die Dialoge in seinen Film "Schtonk" aus dem Vollen schöpfen: Kaum ein Medienskandal bietet derart viel komödiantisches Potenzial wie die gefälschten Hitler-Tagebücher, die das Hamburger Nachrichtenmagazin "Stern" 1983 veröffentlichte. Da waren nicht nur die falschen Initialen auf den vermeintlichen Tagebüchern, auch die übrigen Zutaten stimmen: Ein Redakteur mit Spürnase und fatalem Hang zum Nazi-Kult, ein schillernder Fälscher und eine Verlagsleitung, die so sehr an den ganz großen Coup glauben wollte, dass sie die wohl größte Lachnummer in der bundesdeutschen Mediengeschichte produzierte.

Dass auch ganz private Gier die Beteiligten antrieb, schildert Michael Seufert in seinem 2008 erschienenen Buch über den Skandal: "Beim Geheimprojekt Hitlertagebücher steht im Verlag Gruner + Jahr von Anfang an die Welt auf dem Kopf. Und bei den Beteiligten geht es um Karrieren, Macht und vor allem um viel Geld." Seufert, nach dem Skandal von "Stern"-Gründer Henri Nannen mit der Aufklärung betreut, rekonstruiert nach 25 Jahren noch einmal die abenteuerliche Geschichte.

 

Bildergalerien
"Stern"-Reporter Gerd Heidemann (r) mit den vermeintlichen Dokumenten. Links Chefredakteur Peter Koch, in der Mitte Redakteur Thomas Walde. © Cornelia Gus, dpa
 
Bildergalerie

Am 25. April 1983 erklärte Stern-Chefredakteur Peter Koch vor versammelten Medien, der Stern sei im Besitz von Hitlers geheimen Tagebüchern. Elf Tage später war der Skandal perfekt.

Bildergalerie starten

Den Tagebüchern auf der Spur

Die Details sind ebenso unglaublich wie streckenweise unfreiwillig komisch: "Stern"-Reporter und "Spürnase" Gerd Heidemann beschäftigte sich seit Beginn der 70er-Jahre mit der NS-Zeit. Über befreundete Sammler kommt er 1980 in Kontakt mit dem Fälscher Konrad Kujau, der gegenüber Heidemann unter dem Pseudonym Konrad Fischer auftritt.

Der berichtet ihm von den Hitler-Tagebüchern: In den letzten Kriegstagen seien persönliche Aufzeichnungen Adolf Hitlers bei einem Flugzeugabsturz verschollen. Doch die Fracht sei an der Absturzstelle auf DDR-Gebiet aufgetaucht, er könne den Schmuggel über die innerdeutsche Grenze mithilfe von Verwandten organisieren - immerhin sei sein Schwager Museumsdirektor, sein Bruder NVA-Offizier im Osten.

Heidemann weiht den Leiter des Ressorts Zeitgeschichte beim "Stern", Dr. Thomas Walde, in die vermeintliche Sensationsstory ein. Gemeinsam umgehen beide die Chefredaktion des Magazins und wenden sich direkt an die Verlagsleitung, denn sie benötigen viel Geld, um die Tagebücher zu beschaffen. Die lässt sich von den beiden Reportern überzeugen: Heidemann und Walde erhalten grünes Licht für ihr Geheimprojekt.

Glaube an die Sensation

Kinofilm "Schtonk!": Stolz präsentiert Willié (Götz George, m) seinem Ressortleiter Kummer (Harald Juhnke) die "heissen" Dokumente. © picture-alliance Detailansicht des Bildes Kinofilm "Schtonk!": Stolz präsentiert Willié (Götz George, m) seinem Ressortleiter Kummer (Harald Juhnke) die "heißen" Dokumente. Beinahe drei Jahre lang fließen insgesamt 9,34 Millionen Mark an Heidemann und Kujau. Zahlreiche Hinweise auf eine Fälschung ignoriert nicht nur der angebliche Top-Rechercheur des "Stern", der inzwischen wohl schon lange eigene finanzielle Interessen verfolgt. Auch Ressortleiter Walde, Chefredaktion und Verlagsleitung verschließen Augen und Ohren, als immer neue Hinweise von Zeitzeugen und Experten auftauchen, dass sie einem Betrüger aufsitzen könnten.

So erinnert sich etwa ein ehemaliger Angehöriger der "Leibstandarte Adolf Hitler" ganz anders an einige Fakten, aus Fachkreisen wird vor Fälschungen aus dubiosen Quellen gewarnt, und schon vor der Veröffentlichung gibt es Indizien, dass die Tagebücher auf Nachkriegspapier geschrieben wurden. Auch dass aus den ursprünglich angekündigten 27 Tagebüchern, die Hitler verfasst haben soll, inzwischen 60 geworden sind und ihr Preis kontinuierlich steigt, lässt beim "Stern" niemanden stutzen.

Fatal ist der Vertrag der beiden Journalisten mit der Verlagsleitung: Ihnen wird darin nicht nur eine Gewinnbeteiligung bei Veröffentlichung und Rechteverkauf ins Ausland garantiert. Zusätzlich sichert der Vertrag ihnen das exklusive Recht, die Dokumente auszuwerten, und befreit Reporter Heidemann darüber hinaus von der Pflicht, seine Quelle offenzulegen. Alle redaktionellen Kontrollmechanismen sind damit ausgeschaltet, denn Verlagsleitung und Reporter wollen fest an den ganz großen Sensationsfund - und mit ihm das ganz große Geschäft - glauben.

Von der "Stern"-Stunde zur Katastrophe

Der britische Historiker David Irving (M) bezeichnete schon auf der Pressekonferenz des Hamburger Magazins "Stern" am 25. April 1983 die Tagebücher als eine Fälschung. © Chris Pohlert, dpa Detailansicht des Bildes Der britische Historiker David Irving (Mitte) bezeichnete die Tagebücher als eine Fälschung. Am 25. April 1983 ist es soweit: Mit großem Getöse veröffentlicht der "Stern" den ersten Teil der Serie über die Hitler-Tagebücher. Auf der Pressekonferenz präsentiert sich Heidemann mit den schwarzen Kladden, die Chefredaktion verkündet im drei Tage später erscheinenden Heft, nun müsse die Geschichte umgeschrieben werden. Doch schon an diesem Tag werden ernsthafte Bedenken laut. Namhafte Experten bezweifeln vom ersten Moment an die Echtheit der Quellen.

Nach nur zwölf Tagen ist der Spuk vorbei: Bundesarchiv und Bundeskriminalamt kommen mithilfe chemischer Analysen und historischer Recherche übereinstimmend zu dem Ergebnis: Die Tagebücher sind eine Fälschung - und zudem eine recht plumpe. Seitenweise hatte Fälscher Kujau aus veröffentlichten Hitler-Reden und Fachbüchern abgekupfert, das Ganze mit banalen Anmerkungen aus dem täglichen Leben angereichert. Verlagsleitung und Chefredaktion müssen zurückrudern, "Stern"-Gründer Henri Nannen entschuldigt sich bei den Lesern.

Die Verlagsleitung wollte es nicht sehen: Einwände wurden abgetan, selbst die im Film "Schtonk" zum Witz verarbeiteten falschen Initialen auf den Tagebüchern ließen niemandem beim "Stern" am vermeintlichen Sensationsfund zweifeln. Über den Fehler habe Hitler selbst sich damals aufgeregt, soll Chefredakteur Felix Schmidt auf die berechtigte Nachfrage nach dem "F." bei der Pressekonferenz geantwortet haben.

Doch der Imageschaden für das vormalige Renommier-Blatt ist enorm: Die Auflage bricht ein, die Glaubwürdigkeit ist dahin. In der Folge geben sich die Chefredakteure beim "Stern" die Klinke in die Hand. Kujau und Heidemann werden zu mehrjährigen Haftstrafen wegen Betrugs und Fälschung verurteilt. Bis heute gilt der Skandal um die Hitler-Tagebücher als Paradebeispiel für die möglichen Folgen, die eine zu enge Vermischung von wirtschaftlichen und redaktionellen Interessen haben kann.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/geschichte/chronologie/achtzigerjahre/tagebuecher2.html
Weitere Informationen
Das Cover der "Stern"-Ausgabe 18/1983 mit dem Foto der Tagebücher. Deutlich zu erkennen: die Initialen F.H. © dpa Fotograf: Ingo Röhrbein
 

Die Hitler-Tagebücher - Chronik eines absehbaren Skandals

Von der Vorgeschichte bis zum großen Eklat. mehr

Damals im Fernsehen
Die Pressekonferenz des Hamburger Magazins "Stern" am 25. April 1983. An diesem Tag begann der "Stern" mit der Veröffentlichung der angeblichen "Hitler-Tagebücher". © Chris Pohlert, dpa
 
Video

Pressekonferenz beim "Stern"

Am 25. April 1983 berichtete die Tagesschau über die Veröffentlichung der vermeintlichen Hitler-Tagebücher.

Video starten (03:11 min)

Ernste Zweifel an den "Tagebüchern"

Schon am Tag der Pressekonferenz berichten die Tagesthemen von Zweifeln an den Quellen des "Stern" und interviewt zwei namhafte Experten.

Video starten (11:48 min)

"Tagebücher eine Fälschung"

Am 6. Mai 1983 berichtet die Tagesschau über das Urteil von Bundesarchiv und Bundeskriminalamt: Die Tagebücher sind gefälscht.

Video starten (04:32 min)

Abgeschrieben

Die Tagesthemen berichten ebenfalls über die Fälschungen. Mit einem Kommentar über die Folgen des Skandals.

Video starten (06:39 min)
Videos
Gerd Heidemann präsentiert auf der Pressekonferenz des Hamburger Magazins''Stern'' am 25. April 1983 die vermeintlichen ''Hitler-Tagebücher''. © dpa Fotograf: Chris Pohlert
 
Video

Zapp: Peinliche Erinnerungen

26.03.2008 | 23:00 Uhr

Die Schockmeldung kommt nur zwölf Tage nach der stolzen Präsentation der "historischen Sensation": Die Hitler-Tagebücher komplett gefälscht!

Video starten (07:15 min)