Stand: 12.11.2012 11:00 Uhr
Der Kampf um die besetzten Häuser
von Moira Lenz
Es beginnt völlig unspektakulär, im Herbst 1981: Einige Hamburger Studenten und Autonome beschließen, leerstehende Appartements in der Hafen- und Bernhard-Nocht-Straße zu besetzen. Bisher waren sie dort normale Mieter, denn es bestand ein pauschaler Vertrag mit dem Studentenwerk. Doch jetzt plant die Stadt, über die Wohnungsbaugesellschaft SAGA Eigentümer der Gebäude, den Abriss. Es ist der Auftakt zu einem jahrelangen Häuserkampf, der die Hamburger Hafenstraße weit über die Tore der Stadt hinaus bekannt macht.
Hausbesetzer und Gesetzeshüter
Stand: 19.10.2010 11:54 Uhr
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Die Häuserfassade der Hamburger Hafenstraße in den 80er-Jahren: Kreative Malereien mischen sich mit Sprüchen, die den Nerv der Republik treffen.
Die stadteigenen Altbauten in der Hafenstraße sind zum Teil marode und verfallen. Ein Gutachten stellt 1981 die Unbewohnbarkeit der Gebäude fest.
Die Stadt beschließt, die Häuser abzureißen und die Grundstücke für andere, profitablere Zwecke zu nutzen.
Das ruft Anwohner und Aktivisten auf den Plan. Ihnen geht es darum, den günstigen Wohnraum in der Hafenstraße zu erhalten und den Abriss der Häuser zu verhindern.
Viele interpretieren das Abriss-Vorhaben der Stadt Hamburg als Kampfansage ...
... und liefern sich Gefechte mit den Gesetzeshütern.
"Die Hafenstraße war ein Jahrzehnt lang eine Wunde der Stadt", erinnert sich der damalige Hamburger Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi (SPD).
Regelmäßig kommt es an der Hafenstraße zu Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Einsatzkräften der Polizei, ...
... wie hier vor der "Kogge" in der Bernhard-Nocht-Straße.
Um gegen die im Baugutachten festgestellten Mängel vorzugehen und die Häuser wieder bewohnbar zu machen, beginnen die Mieter, die Gebäude zu reparieren und instand zu setzen.
Die Hafenstraße gilt fast 15 Jahre lang als Symbol für Häuserkampf und Widerstand.
Häuserfassade in der Hamburger Hafenstraße: Die Sprüche provozieren und heizen die Stimmung auf.
Was der Stadt nicht passt, wird übergemalt.
Im Zusammenhang mit der Hafenstraße entsteht in den 80er-Jahren der Begriff des "rechtsfreien Raums", in dem Linksradikale Zuflucht finden.
Mehrere Male droht die Situation zu eskalieren, ...
... Demonstrationen und Polizeieinsätze wechseln sich ab.
Der Schlichter: Bürgermeister von Dohnanyi bei einer Pressekonferenz zur Hafenstraße. Nach langjährigen Auseinandersetzungen setzt er 1987 vorläufig eine friedliche Lösung des Dauerproblems Hafenstraße durch.
Der Kompromiss des Bürgermeisters kann den Konflikt jedoch nicht komplett befrieden. Bis 1996 kommt es immer wieder zu Ausschreitungen zwischen Stadt und Anwohnern, wie hier 1989.
Seitdem die Stadt die Häuser 1995 an eine Genossenschaft verkauft hat, ist es ruhig geworden um die Hafenstraße. Nur sporadisch treffen Demonstranten und Polizei an der Elbe noch aufeinander, wie hier bei einer Demonstration gegen ein Treffen von Politikern der größten Industriestaaten (G8) im Mai 2007.
Die Hamburger Hafenstraße: Chaoten-Unterschlupf oder Domizil der Unangepassten?
Die Hamburger Hafenstraße: Chaoten-Unterschlupf oder Domizil der Unangepassten?
Schleichende Besetzung
Um "das Recht auf Sellbstverwaltung" geht es den Hamburger Hausbesetzern - die Polizei aber räumt.
Zwölf Häuser sind es insgesamt, gebaut um das Jahr 1900, mit schmucken Fassaden und Blick auf die Elbe. Allerdings sind die Gebäude, die am Hafen zwischen Reeperbahn und Landungsbrücken liegen, völlig heruntergekommen und sanierungsbedürftig. "Es begann damals ganz schleichend", erinnert sich Rasmus Gerlach, Dokumentarfilmer und Zaungast der Ereignisse. "Die wirkliche Besetzung fand erst im Zuge einer Silvesterfeier statt. Die bisherigen Bewohner beschlossen, ihren Anspruch auf das ganze Areal auszuweiten, weil absehbar war, dass es sonst abgerissen wird. Es ging darum, die Häuser zu retten."
Bemerkt werden die illegalen Bewohner tatsächlich erst im Frühjahr 1982. Sofort stellt die SAGA Strafantrag und lässt die Häuser polizeilich räumen. Doch keine zwei Tage später werden die Bauten erneut "instand besetzt". In einem offenen Brief an den damaligen Bausenator Lange fordern die Besetzer das "Recht auf Selbstverwaltung“, um die Häuser zu erhalten. Ein offizielles Gutachten bestätigt, dass die Kosten für den Erhalt deutlich unter denen von Neubauten stehen, doch die Stadt will weiterhin einige der Häuser abreißen.