Der Festivalsommer bei NDR.de
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Die frustrierten Besucher des First Rider Open Air machten ihrem Ärger Luft und legten das Gelände in Schutt und Asche.
Sie kamen nach Scheeßel, um ihr deutsches Woodstock zu erleben. Als sie gingen, hinterließen sie ein verwüstetes Festivalgelände, mehrere Verletzte und einen Sachschaden von etwa 1,5 Millionen Mark. Weil die Festivalbesucher musikalisch nicht auf ihre Kosten kamen und sich vom Veranstalter um ihr Eintrittsgeld betrogen fühlten, warfen sie Flaschen, zerstörten teures Equipment und zündeten die Bühne an. Damals, im Jahr 1977, hieß die heute als Hurricane bekannte Musikveranstaltung noch First Rider Open Air und sollte das erste und zunächst auch letzte Festival seiner Art sein.
Am 3. September 1977 folgten etwa 20.000 Rockfans dem Aufruf des Veranstalters und reisten in das niedersächsische Scheeßel. Für einen Eintrittspreis von um die 30 Mark sollten dort angesagte Musikgruppen wie die US-Band Byrds und die britische Musikformation Nektar auftreten. Insgesamt waren 21 hochkarätige Acts angekündigt. Davon machten sich jedoch nur fünf tatsächlich auf den Weg nach Niedersachsen. Was passiert war: Der Veranstalter hatte sich anscheinend mit dem Festival übernommen, teils schlecht kalkuliert, teils naive Fehler gemacht. So zahlte er manche Musiker unüblichweise schon vor der Veranstaltung komplett aus - sie reisten aber nie an. Andere Rockgruppen warteten wiederum vergeblich auf ihr Honorar und weigerten sich schließlich aufzutreten. Bereits im Vorfeld lief also alles schief, was schieflaufen konnte.
Das Wort "Freiluftbühne" bekommt bei diesem Anblick eine völlig neue Bedeutung.
Dabei sah am Anfang alles ganz gut aus für den gerade mal 25-jährigen Veranstalter aus dem Sauerland. Der ehemalige Steuerbeamte hatte gekündigt, um in der Heide ein riesiges Rockfest aufzuziehen. Dem "Stern" sagte er damals, er wolle endlich seine "erste Million machen". Mit der Organisation von Festivals kannte er sich - abgesehen von kleineren Musikveranstaltungen in seinem Heimatstädtchen - zwar nicht aus, trotzdem fand er einen Sponsoren: Die Tabakfabrik Douwe Egberts aus Utrecht unterstützte ihn mit 140.000 Mark. Dafür bestand sie darauf, dass der "Rider"-Tabak im Namen des Festivals auftauchte. Damit war das First Rider Open Air geboren.
Einen Tag vor Festivalstart wollte der Veranstalter das Event allerdings absagen, als er erfuhr, dass weder die Byrds noch Nektar wegen angeblicher Visumsschwierigkeiten kommen würden. Der Gemeindedirektor von Scheeßel überzeugte den jungen Mann aber, die Sache durchzuziehen, weil er sonst einen riesigen Fan-Aufstand befürchtete. Vorsorglich sollen daraufhin 120 Mitglieder der Hell's Angels engagiert worden sein, damit sie vor Ort für Ordnung sorgen.
Nur fünf Bands traten am ersten Festivaltag auf. Dazu zählten die Gruppen Camel, Van de Graaf Generator und Golden Earring. Danach blieb die Bühne leer. Alles was dann ertönte, war Musik vom Band. Als sich nach eineinhalb Stunden Tonbandmusik nichts tat, wurden die Festivalbesucher immer ungeduldiger. Als sie mitbekamen, dass Helfer anfingen die Anlage abzubauen, kippte die Stimmung. Frustrierte Musik-Fans schmissen Flaschen, kletterten auf die Tribüne, schlugen und traten auf Verstärker ein. Gegen 3 Uhr morgens setzten sie schließlich die Bühne in Brand. Doch nicht nur wütende Fans randalierten, sondern auch die für die Sicherheit des Veranstalters engagierten Rocker, die sich um ihren Lohn geprellt fühlten.
Der Wohnwagen des Veranstalters überstand das First Rider Open Air nicht.
Der junge Veranstalter hatte zu der Zeit längst die Flucht angetreten. Er soll die Festival-Kasse mitgenommen und in der Polizeiwache von Rotenburg Unterschlupf gefunden haben. Was danach aus Geld und Veranstalter wurde, darüber gibt es unterschiedliche Berichte. Fest steht aber: Sein Wohnwagen überstand die Nacht nicht. Die aufgebrachte Menge stieß das Fahrzeug um und steckte es, genau wie die Bühne, in Brand. Anschließend sollen sich etwa 6.000 Rockfans eine Massenschlägerei geliefert haben. Wie viele Personen dabei zu Schaden kamen, ist nicht eindeutig überliefert - in den Zeitungen von damals ist mal von 5, mal von 200 Verletzten die Rede. Einigkeit bestand aber darin, dass die Veranstaltung katastrophal war. Das "größte Rock-Fiasko, seit es Freiluftkonzerte gibt", schrieb damals die "Hannoversche Allgemeine". Kein Wunder, dass die niedersächsische Gemeinde dieses Debakel nicht wiederholen wollte. Erst im Jahr 1997 überwand Scheeßel das traumatische Festival-Erlebnis und wagte mit dem Hurricane einen neuen Versuch. Seitdem brennt es auf der Bühne zwar jedes Jahr aufs Neue, aber glücklicherweise nur im sprichwörtlichen Sinne.