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Es ist Donnerstagabend, kurz nach 22 Uhr. Ich sitze in meinem Hotelzimmer in Meldorf, Schleswig-Holstein. "Zur Linde" ist das erste Haus am Platze, direkt gegenüber vom Dom. Apropos Dom: genau der ist an diesem Abend mein Problem. Ich muss nämlich noch eine Predigt vorbereiten, die ich morgen bei der traditionellen Marktandacht im Dom vortragen soll. Oh mein Gott! Das habe ich mir selbst eingebrockt.
DAS! Moderatoren besuchen Zuschauer. Bettina Tietjen tauscht die Kirche mit dem Fernsehstudio ein und erfüllt damit den Wunsch einer Pastorin aus der Domstadt Meldorf.
"Pastorin für einen Tag" - dafür habe ich mich entschieden, das habe ich mir ausgesucht unter hunderten von Bewerbungen auf mein Angebot, mal meinen Job mit jemandem zu "tauschen". Einmal auf der Kanzel stehen, dachte ich, in diesem würdevollen Rahmen zur Gemeinde sprechen - das würde ich gern mal ausprobieren. Und nun sitze ich da und mir fällt nichts ein. Der Frühling soll das Thema sein, schön eigentlich. Wenn man mal davon absieht, dass draußen über dem Domplatz der Wind eisig bläst und vom Frühling noch keine Spur zu sehen ist. Na gut.
Schnell noch ein Stoßgebet und dann fange ich an zu schreiben: "Liebe Gemeinde..." 12 Stunden später: die Orgel dröhnt, über mir die wunderschöne Kuppel des Meldorfer Doms, neben mir Pastorin Ina von Kortzfleisch, hinter mir die Gottedienst-Besucher. Mein Herz klopft. Als ich hinter das Pult trete, habe ich weiche Knie. Alle Augen sind erwartungsvoll auf mich gerichtet. Ich hätte nicht gedacht, dass es so anders ist, eine Andacht zu halten als in eine Kamera zu moderieren. Warum habe ich plötzlich das Gefühl, dass jedes Wort, das ich ausspreche, ungeheures Gewicht bekommt?
"Liebe Gemeinde..." Als ich fertig bin und mit der Pastorin gemeinsam den Segen spreche, habe ich Schweißperlen auf der Stirn, bin aber glücklich. Ich weiß jetzt: da vorne zu predigen ist ein sehr verantwortungsvoller Job. Denn man muss dort nicht nur vor den Menschen bestehen, sondern auch vor Gott. Nach dem Gottesdienst plaudere ich beim Tee mit "meinen" Schäfchen, lauter handfeste Meldorfer Ladies, für die die 15-minütige Freitagsandacht eine willkommene Gelegenheit ist, zwischen den Wochenendeinkäufen einmal kurz innezuhalten.
Danach geht's an der Seite der Pastorin weiter: es steht noch ein Gratulationsbesuch bei einer 82-jährigen Jubilarin und ein Abstecher zum Gemeindehilfswerk auf dem Programm. Frühmorgens waren wir schon im Kindergarten. Ganz schön abwechslungsreich, so ein Tag im Leben einer Pastorin. An meiner Pinnwand hängt übrigens seit diesem Tag ein Foto von mir im Talar. Den musste ich einfach mal anprobieren - und ganz ehrlich: an dieses figurfreundliche Kleidungsstück könnte ich mich gewöhnen...